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Miststück 50: Die größten Miststücke aller Zeiten, Teil 1

Eine musikalische Autobiographie zum Jubiläum: Manfred Prescher präsentiert 50 Songs, die er nie aus den Ohren verloren hat. Den Anfang macht die Ära vor den Sixties.    

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Man sollte meinen, daß 50 eine ziemlich hohe Zahl ist. 50 "Miststücke" bedeuten schließlich eine ganze Menge Arbeit - und der geneigte Leser muß reichlich Zeit in die Lektüre investieren. Andererseits ist 50 auch eine mickrige Zahl, viel zu nahe an der Null. Vor allem, wenn man es sich zur Aufgabe gemacht hat, aus dem reichhaltigen Musikschatz die Songs herauszudestillieren, die in 45 Lebensjahren dauerhafte Bedeutung erlangten.

Als Eklektizist, der notorisch Stilgrenzen mißachtet und buchstäblich oder notenmäßig alles mag, was ihn kickt, steht man bei der Auswahl vor gewaltigen Problemen: Was nehmen, was weglassen? Ist die Entscheidung dann gefallen, regt sich die Schizophrenie. Was ist mit Jerry Lee Lewis oder Bo Diddley? Mit Screamin´ Jay Hawkins, Louis Prima oder Elmore James? Was ist mit den Beatles, den Who oder Creedence Clearwater Revival? Mit Marvin Gaye, Sam Cooke, Wilson Pickett oder den Chairmen Of The Board? Mit den Sex Pistols, den Beasts Of Bourbon, den Stooges, Velvet Underground oder Kinky Friedman? Mit Don Drummond, Lee Perry oder Shabba Ranks? Mit Morrissey und Jonathan Richman? Was ist mit all den anderen, die dir wirklich was bedeuten? Und was mit denen, die nur einmal - dann aber gewaltig - zugeschlagen haben?

Alle weggelassen. Jawohl, ich habe mich nicht von mir breitschlagen lassen. Die Entscheidung blieb unwiderruflich bestehen.

 

Ein paar grundlegende Dinge standen schon vorher fest: Songs aus den Jahren 2000 bis 2006 kamen nicht in die Auswahl, da die bisherigen 49 Miststücke ohnehin aktuell waren und auch die nächsten 50 es wieder sein werden. In dieser Jubiläumsausgabe wird jedes Jahrzehnt mit genau zehn Liedern gewürdigt; die Zeit vor 1960 bekommt ebenfalls ein Zehnerpack zugesprochen.

Außerdem ist jeder Künstler nur mit einem Stück dabei - das schließt schon mal aus, daß die Liste von Bob Dylan oder Johnny Cash in Beschlag genommen wird. Mehr gibt´s eigentlich nicht zu sagen. Wohlan also - und viel Spaß beim Lesen dieser höchst individuellen Zusammenstellung.

 

1. Groucho Marx - I´m Against It


Der Hohepriester der Renitenz legte schon 1932 die Grundlage für Punk und Rebellion. "Was immer es ist - ich bin dagegen." Das ist absolut zeitlos in seiner kompletten Ablehnung von allem und jedem. Der Song aus dem Film "Horse Feathers" ist ein kategorischer Imperativ: Der Mensch erhebt sich erst aus der Masse der Säugetiere, wenn er klar, deutlich und mit Nachdruck "Nein!" sagen kann.

 

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2. Doris Day & Frankie Laine - Sugarbush


Ein Kinderlied zum Mitsingen, das mich seit frühesten Tagen verfolgt: Nachts unter der Bettdecke, das Transistorgerät so eingestellt, daß es gerade noch wahrnehmbar war, immer in der Hoffnung, daß die Batterie durchhalten würde, versprach das eigentlich sehr brave Duett des Country-Crooners Laine mit der süßesten Hausfrau der 50er Jahre eine zuckersüße Zukunft. Wo die lag, konnte ich natürlich noch nicht wissen. Daß Mutter davon nichts mitbekommen durfte, war allerdings klar.

 

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3. The Coasters - Shoppin´ For Clothes


Es brodelt unter der ruhigen Oberfläche. Dieser Song aus dem Umfeld von Jerry Leiber und Mike Stoller ist ein langsames Stück Sprechgesang, mit einer messerscharfen Stimme und einem Saxophon, das wahrscheinlich auch Diamanten durchschneiden kann. Der Zuhörer hat den Eindruck, daß Kleidung nicht nur zum Flanieren gekauft werden soll, sondern Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls ist. "Shoppin´ For Clothes" ist die zu spät gekommene musikalische Untermalung der Zoot-Suit-Riots der 40er Jahre.

 

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4. Elvis Presley - One Night


Wir schreiben die prüden 50er Jahre, und es ist kein Wunder, daß es von diesem Stück eine offenkundig anzüglichere Version gibt: "One Night Of Sin" sagt das, was die ursprüngliche Variante nur andeutet, ist Verlangen nach Lust und Leidenschaft. Aber auch bei der radiotauglichen Ausführung handelt es sich um eine kraftvolle Ballade mit "great balls of fire". "One Night" ist mehr Rock´n´Roll als so mancher Highspeed-Kracher.

 

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5. Jerry Reed - Rockin´In Baghdad


Für die Original-Single geben Rockabilly-Cats heute ein Vermögen aus. Kein Wunder - "Rockin´ In Baghdad" ist ein treibender Mix aus Rock´n´Roll und Orientklischees. Reed, der später - wie viele andere Genre-Interpreten - als Country-Sänger erfolgreich war, mußte natürlich noch keine Angst vor Terroristen haben. In den Fifties fürchtete man sich vor Aliens und Kommunisten - aber das lief in etwa auf das gleiche hinaus.

 

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6. Helmut Qualtinger - Bundesbahnblues


Qualtinger und Gerhard Bronner schrieben für ihre Kabarettprogramme in den 50er Jahren böse Couplets in allerbester Wienerlied-Tradition. Der "Bundesbahnblues" fällt dabei aus dem Rahmen, weil er nicht schwarzhumorig daherkommt. Er nutzt den Blues und sein typisches Thema, die Suche nach der verlorenen Liebe, um zu belegen, daß es im kleinen kotelettförmigen Land in den Alpen ausgesprochen lustige Ortsnamen gibt. Natürlich sind Gurgl, Wulkaprodersdorf, Schrunz, Stinkenbrunn oder Laa an der Thaya witzig - aber eben auch Ausdruck tiefster Provinzialität. Österreich als Alabama Mitteleuropas? OK, dann ist Qualtinger Howlin´ Wolf.

 

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7. Ray Charles - Hallelujah I Love Her So


Frauen werden häufig von Männern angebetet, was auf seine Art natürlich würdig und recht ist. Ob es in Wahrheit würdig und recht ist, diese Marien-, Sybillen- oder Susannen-Verehrung in einen religiösen Gospel zu kleiden, war seinerzeit sicher eine Kardinalsfrage. Heute ist das Ray-Charles-Stück einfach nur ein geniales Hohelied auf die Liebe zum anderen Geschlecht. Amen.

 

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8. Hank Williams - Kaw-Liga


Hank Williams war der erste spektakuläre Tote der Pop-Geschichte. Er erstickte am eigenen Erbrochenen auf dem Rücksitz eines Autos - was seinem tragischen Leben entsprach. Seine Songs sind meist bitter, oft philosophisch und manchmal auch komisch. "Kaw-Liga" ist alles zusammen. Erzählt wird die Geschichte einer hölzernen Indianerstatue, die sich in die Figur einer Squaw aus dem Andenkenladen verliebt. Die beiden Königskinder aus Pinie kommen nicht zusammen, unter anderem auch, weil die Maid von einem Fremden gekauft wird. Dazu gibt es einen Herzschlag-Beat, der heute noch modern wirkt.

 

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9. Louis Jordan & Ella Fitzgerald - Stone Cold Dead In The Market


Der coole Superstar der späten 40er Jahre trifft auf die beste aller Jazz-Ladies: Louis Jordan, der Witzbold, der Unberechenbare, Unbezähmbare - und Ella Fitzgerald. Zusammen wildern sie in fremdem Terrain. "Stone Cold Dead" ist ein Calypso, und der war damals modern, was auch die Aufnahmen von Harry Belafonte oder Robert Mitchum belegen. Dieses Lied erzählt auf beschwingte Weise, wie eine betrogene Ehefrau ihrem Gatten auf die Schliche kommt und sich an ihm rächt. Sie bringt ihn nicht nur um, sondern stellt die Leiche auch noch dort zur Schau, wo sie jeder sehen muß: auf dem Marktplatz.

 

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10. Dean Martin - Memories Are Made Of This


Nicht jede Erinnerung ist eine gute. Es kommt auch vor, daß man immer und immer wieder an Dinge denkt, die einen daran hindern, die positiven Elemente des Hier und Jetzt zu erkennen. Genau darum geht es in Dinos erstem Nummer-1-Hit: Ein Mann weiß, was er verloren hat. In Dean Martins Karriere gab es noch etliche solcher Songs; besonders schön ist auch "Little Ole Wine Drinker Me".

 

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