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Nächte mit dem Fremdwörter-Duden auf dem Kissen (FT 83)

In Momenten schierer Verzweiflung werde ich zum Buchhalter: Ich notiere, was ich bislang alles falsch gemacht habe und stelle es den Handlungen gegenüber, auf die ich stolz bin. Die Bilanz fällt dann – je nach Stimmung – entweder ziemlich ernüchternd oder doch minimal positiv aus. Das Resultat hängt letztlich davon ab, ob ich auch noch die Schlüsse und Lernerfolge mit einbeziehe, die sich für mich aus den schlimmsten Fehlern und den zwangsläufigen Verlusten ergaben. Wie quantifiziert man eigentlich die Kurse und Übungsstunden in Gewaltfreier Kommunikation nach Marianne Rosenberg?

 

Und wie die Sitzungen bei Anneliese Analyse, der Psychologin, die praktisch mehr von mir weiß als ich selbst wissen wollte? „Dann schauen wir doch mal hinter Ihre Mauer!“ – „Aber warum denn? Da ist es bestimmt nicht anheimelnder als auf dieser Seite des Planeten.“ Der ist übrigens, wenn man Xavier Naidoo glaubt – was man freilich nur tut, wenn der Verstand nicht mal mehr zu einfacher Buchführung in der Lage ist – flach. Wenn die Erde nämlich, so der verstoßene Sohn Mannheims, rund wäre, würde es garantiert keine Hochwasserkatastrophen geben. Denn die Sturzbäche würden der Welt einfach den Buckel runterrutschen und dann ins Weltall abfließen.

 

Das glaubt das Xaverle wirklich. Ich muss aber hier konstatieren, was der nette Professor Lesch jüngst von sich und direkt rüber zu uns gab: „Es ist ziemlich leicht einem Irrglauben aufzusitzen. Das wird besonders begünstigt, wenn man Fakten, Strukturen oder Querverbindungen ausblendet, was jeder von uns immer wieder tut.“

Ich : „Es wird auch immer schwieriger, alle Zusammenhänge im Blick zu behalten und in Einklang mit der Realität zu bringen.“

Herr Lesch: „Eben, eben.“

 

Der Professor entgegnete, dass die Leute früher zu wenig Chancen hatten, an das verfügbare Wissen zu kommen. „Heute ist zu viel davon da, um es sortieren zu können.“

Ich: „Und wie soll man denn dann herausbekommen, ob das, was man recherchiert, auch stimmt?“

Herr Lesch: „Genau das ist ein Teil des Problems.“

 

Er erklärt dann noch, dass auch Erkenntnisse, die sich als richtig erwiesen haben, weil sie von diversen Kapazundern verifiziert wurden, genug Fallstricke bereithalten können. Weil die Erkenntnis nämlich von Situationen und deren Bedingungen abhängt. „Man nehme die Farbe Rot. Da kann sich praktisch jeder etwas vorstellen – und es gibt wenig Zweifel bei ihrer Bestimmung via Augenschein. Doch sobald man eine andere Farbe dazu mischt, scheint das Rot zu verschwinden“, so der Professor. „Aber es ist trotzdem da, auch, wenn der Anstrich etwas anderes suggeriert.“

 

Das stimmte natürlich und erklärte auch, warum die persönliche Bilanzierung von Missetaten und gutem Handeln jedes Mal anders ausfällt, ja unbedingt extrem abweichende Ergebnisse zeitigen muss. Deshalb riet mir Anneliese Analyse kürzlich auch, solche Berechnungen generell sein zu lassen. Sie brächten nichts ein, von Kopfschmerzen mal abgesehen. Und wer will die schon. Ok, wenn man sich vor dem Aua ein wenig oder eher etwas mehr irischen Whiskey zum Bier gegönnt hat, wäre zumindest der Abend vorher rosig und angenehm. Addiert man den Genuss und die gute Stimmung, die sich daraus zwangsläufig ergibt zu den ebenso in logischer Konsequenz folgenden Kopfschmerzen, ändert sich das Ergebnis. „Und das“, so Herr Lesch, „lässt wieder etliche Bewertungsoptionen offen, die dann ihrerseits von der Stärke der Schädelbrummens und der Qualität der feuchtfröhlichen Stunden abhängen.“ Das führt schließlich dazu, dass man im Pub andere Parameter einfließen lässt als am darauf folgenden Vormittag. An dem auch die Frage, ob noch ausreichend Eiswürfel und Aspirin im Hause sind die Sichtweise massiv beeinflusst. Die Welt ist also sogar unter dem Säufermond kompliziert.

 

Ich wusste das schon immer – und daran, dass mir die Komplexität, die sich aus der Verbindung von allem und jedem ergibt, bereits früh klar war, wurde ich jäh und mit Nachdruck erinnert. „Schuld“ war ein Buch, das mir meine Agentin Miss Moneypenny mit den Worten „könntest du dir vorstellen, einen solchen Liebesroman zu schreiben?“ nahelegte. Meine Antwort „vorstellen kann ich mir viel, ob ich es hinbekommen würde, steht dann auf einem anderen Konvolut bedruckter Blätter“, wischte sie auf ihre typische, charmante Art mit den Worten „du sollst es ja nicht kopieren, du Dödel, du!“ vom virtuellen Tisch um den herum wir Pläne für die Zukunft schmiedeten. Wofür auch sonst? Pläne für die Vergangenheit machen nur Sinn, wenn man sich zum Beispiel durch Erdschichten bis zum uralten Erstbezug der Siedlungsanlagen von Troja durchgraben möchte.

 

In dem Buch, das Miss Moneypenny mir auf die Augen gedrückt hatte, tauchte jedenfalls urplötzlich und ohne vorher dramaturgisch angekündigt zu werden, ein körperlich eher kleines Mädchen namens Mira auf. Das Kind hatte herausgefunden, dass es überlebenswichtig für sie war, sich zu bilden, folglich schlauer und wissender zu sein als ihre Umgebung. Tatsächlich gelang ihr das ziemlich rasch – und das genoss sie auch: „Sie freut sich, wenn sie eine Gelegenheit findet, ein Fremdwort zu benutzen. Sie liest vor dem Einschlafen im ‚Duden Fremdwörterbuch', murmelt die Worte vor sich hin und prägt sich ihre Bedeutung ein.“

 

Plötzlich hatte ich ein  Déjà-vu der massiven Sorte: Ich sehe mich in meinem Jugendzimmer, eingerollt auf der durchgelegenen Matratze. Auf dem Kopfkissen, neben meinem Schädel, liegt der orangefarbene Fremdwörter-Duden. Er ist schon etwas zerfleddert, weil ich jeden Abend drin lese und nachts immer wieder nach Begriffen blättere, die mir gerade einfallen, weil ich sie irgendwo aufschnappte oder weil ich Angst habe, sie wieder zu vergessen. Den Duden hatte ich übrigens, zigfach geklebt, noch Jahrzehnte lang in Bettnähe liegen. Ersetzt wurde er erst, als Handy und Internetz den WLAN-Bund fürs Leben eingingen. Mira wird, falls sie real existiert, wie ich ihren Duden trotz aller technischen Evolution für immer und ewig in sich herumtragen. Ihre mir ebenfalls sehr aus Kindheitstagen vertraute Überzeugung „Ich höre nur auf meinen Kopf … mein Herz ist dumm“ wird sich aber zwangsläufig als falsch herausstellen.

 

Ich nahm das Buch, steckte es in meinen Tornister und versuchte, dabei keine Eselsohren in die gut 450 Seiten zu knicken. Dann machte ich mich auf die Socken, zog aber auch noch meine British-Knights-Sneakers an. Der Weg in den Vorabend wartete. Ein leichter Regen fiel auf den Kiez und auf die ganze Stadt. Das war mein Lieblingswetter, denn es erinnerte mich an Aldershot oder High Wycombe oder an eine andere Gegend, die ich mal besuchte. Und wo ich nicht lang genug geblieben war, um sie hassen zu lernen. Oder wo ich Leute nicht gut genug kennengelernt habe, damit sie mich hassten. Ich kam mit meinen Überlegungen eindeutig nicht voran. Gottes Mühlen mahlten nun mal bekanntlich langsam und vermutlich auch ziemlich fein. Aber ich war, wie es schien, immer noch nicht bereit, ihr Produkt in meiner Kaffeemaschine zu verwenden.

 

Also stapfte ich weiter durch den im Trüben versinkenden Ort und hatte plötzlich die melodische Stimme eines kleinen Mädchens im Ohr. Ich wusste, wer sie war. Sie sagte, ich solle mein Herz ignorieren. Das wäre besser so.

 

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