Drangsal im Ballsaal (FT 84)

Das war eine Nacht. Wahnsinn. Sie – und ich kann nicht mal sagen, wer – rückten mir auf die Pelle. Unangenehm und beängstigend war das. Fast wie im richtigen Leben, wo die Bedrohungen grad aus den verschiedensten Himmelsrichtungen anrauschen. „Die Einschläge kommen näher“, pflegt Hannes, der Barmann unseres Vertrauens immer dann zu sagen, wenn wieder jemand, der/die uns wichtig war, über die Regenbogenbrücke abgedampft ist. Oder wenn irgendwo in Spaziergangreichweite neue Raketensysteme aufgestellt werden, weil es auf der anderen Seite des Flusses schon kracht und brodelt. Oder wenn die blöde Seuche nun auch die Liebsten erfasst hat, sie dazu zwingt, in häuslicher Isolation zu verharren und via iPad irgendwie am Leben teilzunehmen.


Aber das, was mich schweißgebadet aufwachen ließ, war nicht der mittlerweile übliche Mix aus Katastrophenmeldungen und Durchhalte-Ejakulat von Regierenden. Es war nur ein Traum. Bekanntlich ist es immer eine ziemlich gute Idee, sich eben nicht zu sehr auf Träume zu verlassen, die durch die Synapsen gestreamt werden, während man eigentlich seelenruhig schlafen will. Die Wissenschaft weiß schließlich mittlerweile, wie mir der nette Professor Lesch bei einem unserer illustren Spätschoppen erklärte, dass diese Träume von einem Gas ausgelöst werden, einem physikalischen Phänomen, das unter anderem auch Verdauungsstörungen verursacht, einen Säugling zum Lächeln bringt oder, wenn in größeren Gebinden vorhanden, einer geschmackvoll arrangierten Dinnerparty eine ziemlich unfeine, herbe Note verleiht. Träume können, wie ich wieder einmal erkennen musste, ziemlich schrecklich sein – oder eben wunderschön. Aber sie bedeuten schlicht gar nichts.

 

Mein Bruder, der angeblich als Kind in ein riesiges Fass mit Bachblütentropfen gefallen ist und seither esoterische Schwingungen anzieht wie das Licht die Motten, ist der Überzeugung, dass das Gas versucht, uns etwas mitzuteilen. Ich glaube das nicht, aber wenn dem so wäre, hätte es zwangsläufig mit den üblichen Kommunikationsproblemen zu kämpfen – denselben also, mit denen wir uns in der ortsüblichen Realität immer und immer wieder herumschlagen müssen. Ich erinnere mich an ein gar merkwürdiges Telefonat, als ob es gestern war. Warum? Weil es gestern war. Und so seltsam in seiner Erhöhung des normalen Irrsinns. Alles begann mit einem Grundrauschen, das es von Anfang an schwer machte, ein sinnvolles Gespräch zu führen. Ich kann auch a posteriori nicht sagen, ob der Fremde am anderen Ende für meine Krankenkasse, das Finanzamt oder eine weltweit agierende Betrügerbande arbeitete. Ach, wäre das Ganze nur ein Traum gewesen, hätte ich heute nichts versäumt. Zehn Minuten meiner kostbaren Lebenszeit habe ich verloren. Um den Verlust halbwegs auszugleichen, protokolliere ich einen Teil des Telefonats hier:

 

Der Fremde: „Ich gebe ihnen jetzt mal meine Mailadresse durch. S. wie Frank. Punkt…“

Ich: „Äh… Also F wie Frank…“

Er: „Nein! S wie Frank.“

Ich: „S?!?“

Er: „Ja, S.“

Ich „Aha. S wie Siegfried.“

Er: „Nein! S wie Frank!“

Ich denke, mein Gesprächspartner musste zur festen Überzeugung gelangt sein, mit einem Vollidioten zu sprechen.

 

Hinterher sah ich vor meinem geistigen Auge eine Ära des absoluten Unverständnisses heraufziehen. Man konnte sagen, was man wollte, Inhalt und Intention kamen beim anderen nicht mehr an. Aber noch ist Zeit für eine Vision, sogar noch für eine Revision. Wir müssen uns jedoch sputen, weil die Uhr wie beim Klimawandel und dem Kampf gegen das wachsende, gesamtmenschheitliche Loch in der Bildungsschicht erbarmungslos gegen uns tickt.

 

Folglich sollte man nicht zu viele Stunden damit verbringen, verstehen zu wollen, was Menschen so antreibt. Die Leute gehen dahin und dorthin, im besten Falle wählen sie die für sie richtige Richtung, oft tun sie genau das aber auch nicht. Ich habe daher schon vor langer Zeit begriffen, dass es sinnlos ist, andere nach ihren Zielen zu fragen, denn es fällt einem ja meist selbst schwer, in diesem Punkt konkrete Angaben zu machen. Mit der Trauer über einen verstorbenen Busenfreund, eine Herzensfreundin oder die verlorene große Liebe verhält es sich genauso.

 

Ich habe mittlerweile gelernt, die Trauer anderer nicht mehr in Frage zu stellen – das habe ich früher tatsächlich immer wieder getan. Es genügt mir nun, meinen persönlichen Kummer in Frage zu stellen. Auch das ist ein eher müßiges Unterfangen, weshalb ich mich nur dann daran mache, wenn gerade so viel ungenutzte Zeit vorhanden ist, um Langeweile aufkommen zu lassen. In solchen Momenten versuche ich den Schmerz in mehr oder minder kluge Sentenzen zu verpacken – etwa in diese: „Zu lieben, heißt in Ruhe zu lassen“. Denn letztlich geht es immer mehr ums Lassen als ums Tun. Man soll sich einlassen, muss loslassen, kann einen fahren lassen. Zumindest, wenn der andere nicht in der Nähe ist. Oder man lässt ihn dorthin ziehen, wohin er will. Nur selten ergibt sich dann allerdings, wie im Film „Die Reifeprüfung“, die Möglichkeit, in einen schicken Alfa Romeo Spider zu steigen, loszubrausen und das Blatt noch zu wenden. Meist ist man dazu zu müde, zu desillusioniert oder hat grad kein passendes Cabrio zur Hand.

 

Niemand sollte davon ausgehen, dass in Gegenden die man verlassen hat, noch auf seine Rückkehr gewartet wird. Denn immer, wenn jemand einem bestimmten Ort – und sei es nur vorübergehend – den Rücken zudreht, hört man auf, in den Köpfen der Menschen dort zu existieren. Einige Leute bleiben noch eine Weile nach deiner Abreise mit dir in Kontakt. Die Wahrheit ist aber, dass du, sobald du weg bist, auf den Status eines Fantasiekindheitsfreundes reduziert oder erhöht wirst. Wer das weiß, bleibt auf seinen fünf Buchstaben sitzen und schaut Netflix leer. Denn so ist er indirekt mit all denen verbunden, die genau das Gleiche tun. Woraus sich schließlich die Wochencharts des Streaminganbieters ergeben.

 

Man ist also zwangsläufig auf sich selbst zurückgeworfen. Das hat durchaus einen gewissen Unterhaltungswert, zumindest, wenn man sich auf die Suche nach der eigenen Kreativität begibt und – wenn man sie dann gefunden hat – von ihr treiben lässt. Mir gelingt das besonders gut in besonderen Lebenslagen. Etwa, wenn ein Doktor gerade eher schlechte Nachrichten übermittelt. Dann laufe ich zu Hochform auf, habe blöde Witze im Kopf, über die der Mediziner dann auch lachen muss. Oder ich verwandele die übliche Ärzte-Patienten-Kommunikations-Chose in winzige Sottisen, etwa jener: Als er sich von Krankheit gezeichnet und außer sich vor Sorge zu seinem Professor schleppte, sagte dieser in verständnisvollem Ton: „Kopf hoch!“ – „Es ist also nichts Schlimmes?“ – „Doch, aber ich muss die Lymphknoten am Hals abtasten.“ Sowas passiert einfach, wenn ich tatenlos zusehen muss, wie andere mit Windmühlen kämpfen.

 

Meist mache ich dann längere Texte aus den Miniaturen oder lasse sie in halbfertige Geschichten einfließen. Schließlich steht mir aktuell viel Zeit zur Verfügung, auch, wenn ich paradoxerweise davon ausgehe, dass sie mir am Ende ausgehen wird, ohne eine Notiz zu hinterlassen, wo sie denn hingegangen ist. Also bleibt mir nichts übrig, als die Zeit zu nutzen. Die wichtigste Anwendung besteht aus Schlaf. Ich kam schon vor langer Zeit zum Schluss, dass ein Nickerchen zum Sinnvollsten gehört, was man während des kurzen Untermietvertrags auf diesem Planeten mit seiner Zeit anfangen kann. Die Stunden, Tage, Wochen, ja, vielleicht sogar die Jahre verstreichen und mir geht es nicht gut. Ich komme schon wieder aus dem Krankenhaus, aber dieser Umstand ist nun mal keine Garantie auf Gesundheit oder Glück. Das Gegenteil ist der Fall, also kann ich genauso gut weiter Scherze machen und mich Jux wie Tollerei hingeben. Das geht sogar, während ich schlafe. Träume nennt die Wissenschaft diesen Zustand. Das behauptete zumindest mein Herzensbusenfreund Godot. Also fragte ich „was kommt jetzt?“ und er antwortete „jetzt kommt der schwierige Teil.“ Das kann ja heiter werden.

 

Link zum Song von Aldous Harding

Link zum Song von Supertramp

Link zum Song von Zarah Leander

Link zum Song von The Housemartins

Link zum Song von Beasts Of Bourbon

Link zum Song von Simon And Garfunkel

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