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Unbekanntes Fluchobjekt (FT 85)

Ich hatte dieses Bild vor Augen, und es wollte einfach nicht verblassen. Es blieb klar und deutlich stehen. Nicht, dass ihr jetzt denkt, es wäre etwas Schreckliches zu sehen gewesen. Im Gegenteil, es zeigte eine magische Situation aus längst vergangenen Zeiten. Klar: Das Wort „magisch“ wird oft überstrapaziert, aber hier passte es wie das Gesäß auf den Eimer. Und dieser Umstand war es auch, der mich wütend machte. Ich war sauer auf mich, auf meine Blödheit im Speziellen und auf die schier übergroß erkennbare, grundsätzliche Blödheit des Menschlichen im Allgemeinen. Hunden würde das nicht passieren, weshalb sie – vermutlich zusammen mit Maus, Delfin, Huhn, der blauen Ameisenbärin Elise und anderen Tieren – die eigentliche Krone der Schöpfung sind. Meine beiden Vierbeinerinnen wissen das übrigens ganz genau, aber das ist eine andere Geschichte.

 

Dieser grundaggressive Zustand hielt sich über den ganzen Tag hinweg. Wobei das vielleicht gar nicht stimmt. Es konnten durchaus unterschiedliche Wüte sein, die sich bei mir erst aufstauten, dann Bahn brachen und sich über die gottlob nicht vorhandene menschliche Umgebung ergossen. Das eine oder andere Telefonat führte ich gar nicht erst, denn ich hatte kein Bedürfnis danach, anderen Leute, speziell welchen, die ich grundsätzlich mag, zu nahe zu treten. Denn das funktioniert durch Raum, Zeit und virtuelle Voice-over-IP-Leitungen in aller Regel besser als man annehmen sollte. Irgendwann merkt man dann, dass die Person auf der anderen Seite der Gesprächsebene schluckt, schluchzt oder selbst sauer wird. Dann ist es allerdings meistens zu spät und ein völlig unnötiger Kleinkrieg ist bereits in seinem verheerenden Gange. „Man wehre den Anfängen“, sagte einst Bertha von Suttner – genau, das war die Frau, die das nach ihr benannte Gymnasium erfunden hat. Das stimmt natürlich: Krieg ist immer – auch in seiner Miniaturform – abzulehnen. So viel Klarheit hatte ich auch in inmitten meiner Grundwut noch.

 

Mein liebster Freund Godot riet mir einst, ich solle doch für solche Stimmungen immer ein Beißholz im Tornister oder in einer geografisch nahe gelegenen Schublade parat liegen haben. Ich folgte seinem Rat. Aber getreu der Katastrophenkonvergenztheorie, die ich bereits in jungen Jahren aufgestellt habe, kommt weder ein Unglück noch ein Unsinn oder ein Unflat allein. Das sind Rudelwesen, die ihresgleichen im Schlepptau führen. Deshalb wunderte es mich überhaupt nicht, dass sich das Möbel nicht öffnen ließ. Vermutlich hatte ich zu viel hineingestopft. Mehr als eigentlich zulässig war. Wahrscheinlich drückte sich der Pressspanboden der oberen Lade durch und nahm dabei die Nächstuntere in Geiselhaft. Überlastung hat nun mal oft heftige Folgen, wer war ich, dafür nicht Verständnis zeigen zu wollen?

 

Mit den Erinnerungen verhält es sich so: Manchmal badet man darin, wie ein Käuzchen im Mondlicht, in anderen Momenten steht man damit wie ein begossener Königspudel unschlüssig in der Landschaft, während man unverrichteter Geschäfte ins Auge des Orkans blickt, sich den Sturmregen auf das gerade erst geschorene und daher dünne Fell peitschen lassen muss. Wer da nicht ans Abdanken denkt und daran, ein ganz normaler Bürgerpudel zu werden, ist in der glücklichen Lage, allem möglichen Unbill zu trotzen. Allen anderen steht das Wasser bis zum Halse, suppt über den Kragen auf die innere Montur und dann durch Haut, Knochen und Oberschlundganglien direkt ins Gemüt. Der individuelle Klimawandel ist also voll im Gange. Kalkutta mag am Ganges liegen, Paris an der Seine, aber man selbst würde lieber schön trockengerieben unter der kuscheligen Bettdecke verschwinden.

 

Mit solchen Gedanken ist der Mensch also besser allein. Aber Pustekuchen. Godot schneite rein, erst in meinen Hausflur, dann in meine verwirrte Gedankenwelt. Schließlich tropfte er direkt zu meiner Espressomaschine und zapfte sich etwas Mehrstöckiges. „Die nassen Schuhe hättest du dir wenigstens ausziehen können“, lamentierte ich und er parierte diesen verspätet geäußerten Hinweis auf die faktische Ordnung und der daraus folgenden Höflichkeit einfach mit „hätte ich“. Dann trank er seinen Kaffee, stöhnte dabei das Godot-typische „aaaahhh“ gleich mehrfach in meine Küche hinein. Das gab mir die Gelegenheit, das außerplanmäßige Auftauchen meines Freundes im zweiten Anlauf gebührend zu würdigen.

 

Ich: „Sieh mal einer an, mein Vögelchen. Also das nennt der Dichter eine veritable Überraschung!

Godot: „Mampf, bist du sehr beschäftigt? Ich schau wirklich nur auf einen Sprung vorbei. Bin auf der Durchreise.“

Ich: „Bist du das nicht immer? Im Ernst: Ich bin schon mal etwas schwungvoller angemacht worden. Aber nu biste hier. Watt willste aichentlich?“

Godot: „Alter, ich bin gekommen, um die Vergangenheit zu korrigieren.“

Ich: „Und ich dachte schon, es sei mal wieder eine psychologische Krisenintervention fällig. Ich will dir gern verhehlen, bei welchem Menschen ich grad lieber auf der Couch liegen würde.“

Er: „Nicht der Rede wert. Soweit ich mich nach all unserem Herumgealbere noch erinnere, habe ich nur ein paar ganz praktische Tipps auf Lager. Sowas wie ‚kauf dir einen neuen Anzug’ oder ‚nimm den alten Fusselbart‘ ab, wenn du gar zu sehr deprimiert bist.“

 

Godot lag instinktiv und aufgrund der vielen Jahrzehnte, die wir uns nun schon kennen, goldrichtig. Daher hätte ich ihm beinahe erzählt, dass Männer auch ihre Tage kriegen und von Stimmungen abhängig sind, aber wollte ich grad nicht. Als er ging, war ich tatsächlich wesentlich ruhiger. Mich umgab geradezu eine Aura der Ausgeglichenheit, aber natürlich misstraute ich diesem Gefühl genauso wie vorher der Wut.

 

Godot hat es gut gemeint, das wusste ich zu würdigen. Dem war nicht immer so, weder bei mir noch bei den anderen Leuten, die den Planeten aus dem „Universal“-Vorspann bevölkern und ihn im Rest des Weltalls zum weitgehend unbekannten Fluchobjekt machen. Oft schon kippte positive Intention rasch in negative Folgen, die dann von allgemeiner Entrüstung begleitet wurden. Erinnert sei hier an die renommierte Schweizer Uhrenmanufaktur, der es gelang, einen Chronographen zu entwickeln, der die Stunde in nur 42 Minuten und 17 Sekunden bewältigte. Ein Aufschrei ging durch die Presse, von „Zeitdiebstahl“ und „Verbrechen an der Lebensspanne“ war die Rede. Oder an den legendären Seeräuber Klaus Störtebeker, den der Fluch der bösen Tat just am Tag der bösen Flut von 1387 ereilte und hinterrücks ganz nass machte. „Potzblitz! Und ich habe kein Hemd zum Wechseln in der Kajüte“, rief er in die Runde seiner Matrosen und wütete gleich darauf umso berserkerhafter. Das Ganze geschah mitten auf der Nordsee, die von den Bewohner*innen Grönlands übrigens „Südsee“ genannt wird.

 

Wo kommt eigentlich nun wieder die Albernheit her? Die letzten Geschichten waren traurig, regten zum Nachdenken oder zum Abwenden an: „Schreib doch mal wieder luftig-leicht und lustig. Das macht in den massiv-schweren Bunkern, in die wir uns derzeit zurückziehen Mut. Oder es hilft uns, besser durch die dunklen Zeiten zu kommen“, riet mir meine Freundin Rebekka neulich bei einem – oder dem anderen – nicht viel helleren Bier von der immergrünen Insel. „Es gibt zu viel, was uns runterzieht. Und am Ende stehen wir in Unterhosen im Unwetter, so wie jener Ballonfahrer, der als Erster den Ärmelkanal überquerte und dabei so viel Ballast abwerfen musste, dass er nicht nur Jacken- und Hemdsärmel, sondern gleich die komplette Kleidung verlor und dann im Feinripp vor der wartenden Menschenmenge auftauchte.“ Das stimmte natürlich, aber sollte ich wirklich mal wieder das Kasperle geben? Oder lieber zum bösen Krokodil des Vormittags zurückkehren? „Du hast recht“, sagte ich zu ihr, blickte versonnen in mein Bier und ging mit der Abgeklärtheit des alten Mahatma an die an mich herangetragene Aufgabe.

 

„Wenn es dich tröstet“, sagte Rebekka, „Regierungen, Zivilisationen und sogar schwedische Möbelhausketten werden vergehen, und es werden immer noch Menschen im Pub sitzen und Blödsinn reden. Das ist der Lauf der Welt, Schwesterherz.“ Meine Freundin transgenderte mit mir. Mein weiblicher Anteil fühlte sich geehrt und bestellte uns noch eine Runde Kilkenny. Ich dachte an die weisen Worte von J.R.R. Tolkien: „Nicht jeder, der wandert ist verloren.“ Aber wenn man durch die Hölle geht, sollte man nicht stehenbleiben.

 

Link zum Song von Wolfgang Niedecken

Link zum Video von der Ameisenbärin Elise

Link zum Song vom Electric Light Orchestra

Link zum Song von Vico Torriani

Link zum Song von Bauhaus

Link zum Song von Die Toten Hosen

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