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Intelligente Fehler zu machen ist eine große Kunst (FT 86)

„Wenn du noch mal ‚Becka‘ zu mir sagst, kriegst du eine geschwalbt. Damit das klar ist,“ sagte Rebekka ruhig zu Horst, der wieder einmal Grenzen überschritt, den Rubikon durchschwamm oder sich einfach nur blöde verhielt. „Hey, das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“, pochte er auf irgendein vermeintliches Grundrecht. „Nö“, antwortete Rebekka nur – und die Sache war für sie und das Erste erstmal erledigt. Horst schaute bedröppelt drein, und ich wies ihn darauf hin, dass er sich diesen Lapsus immer und immer wieder erlaubte. Was ihn – den Freund und seinen Fehler – im Endeffekt noch dussliger erscheinen ließ als er ohnehin war. „Es ist eine hohe Kunst, intelligenten Murks zu machen“, meinte Horst und Rebekka stimmte ihm zu: „Weil dem so ist, wirst du unweigerlich in eine Rennschelle laufen, die sich gründlich gewaschen hat. Verlass dich drauf!“

 

Horst wirkte ein wenig eingeschnappt, was man verstehen muss. Denn er fand sein Vergehen „wahrlich nicht weltbewegend“, wie er betonte. „Geh, kauf, dir 200 Gramm Leberwurst“, riet Rebekka, „dann ist es leichter, beleidigt zu schmollen. Nimm aber die grobe, die passt besser zu deinem karierten Holzfällerhemd und der Engelbert-Strauss-Weste.“ Ich musste lachen, obwohl ich grad an all die vielen Fehler dachte, die mir im Laufe meines Lebens so passierten. Besonders klug waren die alle nicht. Sie geschahen, weil ich im falschen Moment eigentlich Richtiges sagte oder weil ich im richtigen Augenblick das tat, was justament so unangebracht wie irgend möglich war.

 

Oder weil ich einfach so in meinem Kram – Anneliese Analyse nennt es „in den persönlichen Triggern“ – verheddert war, dass ich das oder die Gegenüber nicht klar, sondern nur durch meine Naturtrübheit hindurch sah. Von Erkennen konnte man in diesen Situationen logischerweise nicht reden. „Na ist doch wahr!“, hörte ich Rebekka in mein Denken hinein sagen, wusste aber nicht, was sie meinte. „Was soll denn der ganze Unfug?“ fragte sie weiter, um dann mit der Feststellung „dagegen gibt’s sicher nix von Ratiopharm“ zu enden. Gegen die Wiederholung von Fehlern bräuchte es ihrer Meinung nach nämlich mindestens eine Depotspritze mit regelmäßiger Booster-Auffrischung.

 

Mir fehlte irgendwie der Mittelteil des Gespräches, das sie mit Horst führte. Das konnte sich zu einem veritablen Fehler erster Güte entwickeln, wenn ich nicht aufpasste. Also bremste ich meinen Gedankenstrom und murmelte „erledigt, vorbei, kann abgeheftet werden. Der Mist der Vergangenheit ist Geschichte.“ Da Rebekka aber Ohren wie eine junge Luchsin hat, die gerade ihre herumwuselnden Ferkelchen beschützt, verstand sie meine Worte und nickte zustimmend. „Und sie taucht erst wieder an der Oberfläche auf, wenn sie sich wiederholt wie eine alte „Tatort“-Folge in einem dritten Programm.“ Was sie natürlich unweigerlich tut. Geschichte ist repetitiv, mit einem Hang zum lächerlich Skurrilen, wie schon Karl Marx in „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ schrieb: „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“

 

Das gilt auch für die kleinen Malaisen und Missgeschicke, die uns trotz aller gemachten Erfahrungen passieren. Was hauptsächlich daran liegt, dass denen oft schon bei der „Erstausstrahlung“ etwas bescheuert Lächerliches innewohnt. Beim zweiten, dritten oder hundertsten Mal ist das immer noch so, bloß, dass der humoristische Ansatz, jene tapsige Art des Fehlverhaltens, das andere auch mal zum Lachen bringen kann – und sie uns dann nicht böse sind – längst in einen abgestanden-schimmeligen Aggregatszustand geswitcht ist. Dann kriegt man vielleicht eine geschwalbt, wird aber auf jeden Fall für unbelehrbar gehalten.

 

Möglicherweise sind wir als Individuen wie auch als Gesamtmenschheit, wie der nette Professor Lesch jüngst vermutete, tatsächlich nicht besonders lernfähig. Seit den Tagen der Höhlenmenschen, oder seit Adolf und Eva das Fallobst aufklaubten – und eben nicht erst seit dem Fallout von Hiroshima oder Tschernobyl – machen wir regelmäßig alles kaputt. „Wir zerstören Ländereien, Leben und Lieben. Sogar unseren Planeten“, warf ich in die Diskussionsrunde. Und wie das so ist mit Kreisläufen: Meine These kam mit einer Antwort versehen zurück zu mir, landete neben meinem Bierglas und machte mich ziemlich traurig: „Nein, die Erde zerstören wir nicht. Sie wird uns garantiert überstehen. Wir machen nur unsere Lebensgrundlage – und die von vielen Wesenheiten, die mit uns hier herumwuchern, -wiehern und -wandern – kaputt.“ Da hatte ich den Salat und der schmeckte wirklich bitter, denn Herr Lesch hatte wieder einmal recht.

 

Fehler, die man immer wieder macht, werden ganz sicher nicht weniger gefährlich. Sie werden höchstens fader. Als ich Horst auf diesen Umstand hinwies, gab er mir recht, legte Daumen, Zeige- und Mittelfinger dorthin, wo Mediziner sein Herz vermuten und gelobte gegenüber Rebekka, sich zu bessern. „Es gibt nämlich genau zwei Dinge, die noch öder sind als wiederholte Klopse – und das sind Scheidungen und Steuerprüfungen“, stellte er fest. „Das kannst du gar nicht wissen“, antwortete Rebekka. „Denn erstens warst du bis jetzt noch nicht verheiratet und zweitens zahlt ein Lebemann wie du gar keine Steuern“. Horst lächelte und meinte lapidar „auch wieder wahr.“

 

Das Gespräch, so es denn eines war, drohte eine Ehrenrunde zu drehen. Das wollte ich auf jeden Fall verhindern und frage deshalb „wie und womit amüsieren wir uns denn nun als Nächstes? Haben wir ein Ziel?“ Rebekka schüttelte den Kopf: „Bis jetzt nicht, aber das wird sich doch im Laufe des Abends noch finden lassen.“ Wir saßen also weiter an Hannes‘ Tresen, hielten uns an unseren Kilkenny-Gläsern fest und guckten vor uns hin – Horst, Rebekka und ich. „Wo bleibt denn nur Nina?“, fragte ich. „Damit endlich Leben in die Bude kommt.“ „Unsere Gesellschaft ist dir wohl nicht genug?“ mutmaßte Barmann Hannes und schob Rebekka ein frisch gezapftes Bier hin.

 

„Naja, die Muntersten seid ihr heute wirklich nicht“, antwortete er sich selbst.

Horst: „So ist es!“

Rebekka: „In der Tat!“

Hannes: „Wer wollte das bezweifeln?“  Alles war eigentlich wie immer.

 

Die Nacht kam rasch. „Kommt verdammt rasch die Nacht“, sagte Rebekka und schaute auf die Uhr. „Erst elf und schon so spät“, fügte sie beiläufig hinzu. „Heute schaffen wir das nicht mehr“, ergänzte Horst. „Neue Fehler müssen bis morgen warten.“ Darum tranken wir erst noch mal was, Hannes hatte noch einige Gerstensäfte auf Lage. Schließlich soll man den Ast, auf dem man sitzt, erst absägen, wenn man fliegen kann. Es gibt Fehler, die machten nicht mal wir – und deshalb blieben wir wie angewurzelt auf unseren Plätzen hängen wie am Rest unseres Lebens.

 

Manchmal, ok, eigentlich ziemlich oft, sieht man die Dinge am schärfsten, wenn sie nicht mehr da sind. Die meisten großen Werke über die Freiheit wurden entweder im Knast oder – was für die meisten Menschen aufs Gleiche rauskommt – in einer Diktatur geschrieben. Was meinen persönlichen Erfahrungsschatz angeht, so habe ich vor Jahrzehnten mal eine der Anti-Babypillen meiner damaligen Freundin geschluckt. Das war ein Fehler, wie sich hernach rasch herausstellte. Ich sah die Welt kurz sehr klar vor meinem geistigen Auge, wusste plötzlich, dass man keine Kinder auf dieses traurige Eiland setzen und ihnen beim Gehen behilflich sein sollte. Dann ging es mir so elend, dass ich mich bis heute daran erinnere und daher auf einen weiteren Versuch verzichtete. Meine Hormone halten mich seither für verrückt und sich außerdem im eigenen Interesse zurück.

 

Das erzählte ich meinen Freunden, die mich – wieder einmal – für ziemlich bekloppt hielten. Damit konnte ich prima leben, deshalb klopfte ich Horst liebevoll auf die Schultern, warf Hannes und Rebekka Kusshändchen zu, lümmelte mich auf das Tresenholz, schlürfte den frischen Kilkenny-Schaum und hatte plötzlich Mitleid mit den Mängelwesen, die diesen Planeten bevölkerten.

 

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