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Es ist lustiger, Dinge zu biegen als sie zu brechen (FT 87)

Auf Biegen und Brechen etwas hinbekommen zu wollen, ist meist keine gute Idee. Man verkrampft, weil man Angst vor dem Scheitern hat und versteift sich dann erst recht auf das Gelingen – und das führt oft mittenmang ins Versagen. Ich habe mir daher schon vor Jahr und Tag einen Arbeitsmodus Operandi zurechtgelegt, der eine gewisse Lockerheit ermöglicht. Das funktioniert allerdings nur, wenn es mir gesundheitlich gut geht: Ich schreibe an mehreren Texten gleichzeitig. Was so nicht ganz stimmt. Denn natürlich sitze ich nicht an mehreren offenen Manuskript-Dateien und verteile die Buchstaben – hier ein „e“, dort ein „r“ und wieder wo anders ein rundliches „o“ – hin und her. Das würde selbst mich überfordern. Nein, ich verteile meine Kreativität über den Arbeitstag über die Projekte und Aufträge. Zwischen die einzelnen Programmpunkte lege ich mehr oder minder kurze Pausen ein. In denen telefoniere ich dann mit lieben Menschen, gehe mit den Hunden Gassi, sitze mit der Kaffeetasse auf dem Sonnendeck oder schließe die Augen, um mich Erinnerungen hinzugeben: „Wie war das damals noch gleich?“

 

Ja, genau: Wie war das eigentlich? Und mit diesen Gedanken an ein mehr oder minder lang zurückliegendes Früher begebe ich mich schnurstracks auf die schiefe Ebene retour in meinen Arbeitsprozess. Denn gerade bei literarischen Texten ist es immer so, dass der Autor und sein Erlebtes zumindest prägend auf den Inhalt einwirken. Sein Sein bestimmt das Manuskriptsein. Kein Werk entsteht im luftleeren Raum, egal, ob man wie Arno Schmidt oder Ludwig Josef Johann Wittgenstein einen Zettelkasten oder deren gleich mehrere führt oder Post-it-modern Erinnerungsbruchstücke in Smartphone-Notizen sammelt. Die Kunst ist nur, sich beim Switchen zwischen diesem und jenem Projekt, zwischen Beitrag für Magazin X und Buch Y, nicht im Aufzeichnungsgeflecht zu verheddern, sich also zu verzetteln. Dann ist der Tag nämlich erst mal gelaufen. Und man sitzt da, hält sich an der Kaffeetasse fest, versteht gar die eigene Welt nicht mehr. Was man daher erst qualvoll lernen muss: Je mehr unterschiedliche Texte man gleichzeitig erstellt, desto wichtiger ist die Organisation des Schreibtisches, des Notizenkonvoluts und der Ablagefächer im Gehirnschrank.

 

Marvin Minsky, ein Pionier der Erforschung künstlicher Intelligenz gab einmal vor langer Zeit einen klugen Satz von sich. Vermutlich gelang ihm das während seiner fast 90 Lebensjahre öfter. Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich müsste meine endskluge Freundin Rebekka fragen, die gleich mehrere seiner Schriften gelesen und mir dieses Zitat zukommen ließ: „Kreativität ist eine Fähigkeit, und wenn wir herausfinden, wie sie funktioniert, kann sie jeder lernen – man braucht nur die richtigen Informationen.“ Im Klartext heißt das, dass man sein Hirn füttern muss, um kreativ zu sein. Denn nur was im Kopf drin ist, kommt auch wieder heraus – „come in and find out“, wie eine Parfümeriekette einst treffend formulierte. Kurz: ohne Input kein Output – vor allem kein kreativer.

 

Und bei all dem kann es sein, dass störende, weil ungeplante Einflüsse das fragile Konstrukt und damit die komplette Planung durcheinanderbringen, über den Haufen werfen, über den man dann, unverrichteter Dinge und völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, springen muss. Dabei verletzt man sich häufig. Die meisten Unfälle passieren vermutlich am Schreibtisch – das aber natürlich nur, wenn man sich vor der Hausarbeit erfolgreich gedrückt hat.

 

Ich konnte mich heute morgen übrigens gerade noch mit einer schnellen, instinktiv ausgeführten Bewegung zurück ins Leben vor Hals- und Beinbruch schützen. Dabei betete ich zu Gott, er möge mich vor schlimmen Schmerzen und Krankenhausaufenthalt bewahren. Aber manchmal fühlt man sich dem Schöpfer nahe, manchmal halt leider nicht. Und manchmal, das behauptet zumindest meine Psychologin Anneliese Analyse immer bei jeder ihrer Meinung nach passenden Gelegenheit, müsse man einfach zu seinen Verletzlichkeiten stehen.

 

Aber zurück zu meiner Morgenstund: Ich trank den ersten Espresso des Tages, löffelte Futter in die Näpfe meiner vierbeinigen Begleiterinnen und erledigte meinen Papierkram auf der Toilette. Gerade, als ich mit dem Händewaschen fertig und nach dem Handtuch greifen wollte, klingelte das Telefon. Mein Bruder war dran und redete unverdrossen auf mich ein.

 

Gut, ich war vermutlich etwas kurz angebunden bei dem ohnehin einseitigen Gespräch, aber ich hatte einfach keine Zeit, mich mit geweihten Nasenhaarschneidern, mit dem gesunden Extrakt aus Sperlingskot oder samoanischen Heilpflanzen – oder waren es samoanische Nasenhaarschneider aus Sperlingsfedern? – zu beschäftigen. Also stoppte ich den Redefluss meines Bruders auf harsche Weise – „lass mich in Ruhe, Zipfelklatscher“ – und fühlte mich danach irgendwie schuldig. Ich hoffte, Gott wäre mir gegenüber etwas nachsichtiger als ich selbst. Vielleicht würde er, wenn er in Ruhe drüber nachdachte, einsehen, dass ich auch als meines Bruders Hüter endlich zu Potte kommen musste. Man konnte schließlich im Voraus nie wissen, wie rasch

man wieder in den kreativen Flow kommt, dem Spirit, der über aller Schreibarbeit schwebt.

 

Vielleicht hätte ich mein Gefühl – schuldig im Sinne der Anklage am persönlichen Familiengericht – auch gar nicht zulassen sollen. Vielleicht wäre es besser gewesen, ernsthaft sauer auf meinen Bruder zu sein. Denn selbst die ondulierten Zwillingsomas von den Zeugen Jehovas wissen, dass es nicht zum guten Ton gehört, morgens bei mir anzuläuten, um mir ihr Königreich vorzustellen. Will ich mich, was selten vorkommt, nämlich mal mit Adel beschäftigen, lese ich eine Illustrierte beim Friseur oder schaue „Brisant“. Nein, die Damen klingeln während meiner Pausen. Das ist zwar nicht schön, eröffnet aber neue Horizonte für die Kreativität.

 

Das Gespräch mit meinem Bruder endete jedenfalls so:

Er: „Klar, Mampf. Tschüssi. Ach ja, was macht…?“

Ich: „Meine Ex? Die hab ich weggebracht…  

Er: „???“

Ich: „Und zwar nach… Mensch, ich muss zurück an die Arbeit gehn!“

Er: „Tschau, Mampf!“ – Ich: „Alter Zipfelklatscher, auf Wiedersehn.“

 

Ich würde meinen Bruder später, wenn das Tagwerk vollbracht sein wird, anrufen und mich aufrichtig bei ihm entschuldigen. Denn er konnte eigentlich ganz charmant sein, vielleicht hätte er das sogar heute hinbekommen. Schließlich hatte er in seinem reichlich über fünfzig Jahre dauernden Leben viele faszinierende Menschen, darunter auch sich selbst, kennengelernt. Vielleicht war das aber auch Teil seines Problems: Wie gut kannte er sich? Und war er wirklich so, wie er mir oft auf die Nerven ging? Ich wusste es nicht. Ich war schließlich kein Psychiater. Wenn ich aber einer wäre, hätte ich bestimmt nur sehr wenig Patienten, weil ich nicht ständig Tee trinken und mich nach deren Gefühlen erkundigen wollen würde. Ich würde sie wegen ihres Selbstmitleids mit einem Tritt in den Allerwertesten aus der Praxis befördern und sie mit wenigen Worten daran erinnern, dass ein solcher Tritt ins Gesäß manche Leute wieder auf Trab bringt.

 

Wenn ich es recht bedenke, habe ich das mit meinem Bruder verbal genauso praktiziert. Ich sollte von ihm ein Honorar verlangen, dass sich gewaschen hat. Aber das macht man nicht. Stattdessen trocknete ich endlich meine immer noch feuchten Hände ab. Dabei fiel mir jenes Kinderlied ein, das ich seinerzeit im Proseminar „Lyrik des vorpubertären Zeitalters – Studien über die immanente Kraft der Poesie“ zu beackern hatte. Es ging darum, den Inhalt eines Gedichtes bei gleichbleibender Grundthematik zu ändern:

 

Ein Männlein steht im Hemde

Auf einem Bein

Es kommt grad aus der Fremde

Enttäuscht und ganz allein…

 

Ich weiß nicht, welche Note ich für dieses Wunderwerk bekam, aber nun wirkte es wahre Wunder. Denn plötzlich war ich zurück auf der Spur: Fast unbemerkt von meinen Sinnen rannte ich zum Schreibtisch und begann mit dem ersten Manuskript. Ach, das Leben ist ein Fluss, der mal sanft, dann wieder heftig um die Klippen des Daseins strömt. Manchmal ist es aber auch nur die Kaffeetasse, die mit einer schwungvollen Bewegung umgestoßen wird und dann ihren Inhalt über die Tastatur ergießt.  

 

Link zum Song von Wet Leg

Link zum Song von PeterLicht

Link zum Song von Working Week

Link zum Song vom Ersten Wiener Heimorgelorchester

Link zum Song von Gladys Knight & The Pips

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