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Das ist in meine Timeline geschwappt (FT 88)

Irgendwie seltsam: Ich werde immer älter, das aber langsamer als die Fernsehwerbung im öffentlich-rechtlichen Raum. Wie viele Medikamente gegen Senior*innenzipperlein und verfallsbedingte Schwächen des Bewegungsapparates oder der Blase gibt es eigentlich? Und warum müssen die alle gleichzeitig um die Nachrichten herum oder als Unterbrechung der Quizsendung ausgestrahlt werden? Wahrscheinlich, weil wir Altvorderen unsere Hirne mit den Fragespielereien trainieren wollen und die Jüngeren entweder noch arbeiten oder seit dem Ende der Vorlesung schon Netflix leerschauen. Dort gibt es – noch – keine Werbung. Aber vermutlich sähe die auch anders aus, als die in den „seid ihr alle da?“ – „aber nicht mehr lange“-Sendern. Um hier mal Otto zu zitieren, der freilich längst selbst zum greisen Zausel geworden ist.

 

Außerdem wollen wir alle, so scheint es zumindest, ewig leben. 70 ist heute das neue 40, oder so. Bloß, dass man in früheren Jahrhunderten schon mit 40 die Radieschen von unten besah. Falls es die überhaupt schon gab. Die kleinen Knollen kamen nämlich erst im 16. Jahrhundert auf unsere Ackerschollen. Zuvor schaute man nach dem Ableben vermutlich anderen Pflanzen auf die Wurzeln. So lange ist es noch nicht her, dass viele Menschen durch die harte Fron unter Tage, in Fabriken oder beim Heimarbeiten im Akkord schon in einem Alter starben, wo man sich heute damit zu beschäftigen beginnt, was denn im nächsten Jahr das Thema der Masterarbeit sein könnte, dann zufrieden feststellt, dass es bis dahin noch Zeit ist und lieber eimerweise am Ballermann Sangria in die mediterrane Landschaft speit. Das harte Leben lässt sich wenn auch nur vorübergehend einen Sommer lang aufschieben.

 

Weil wir alle immer älter werden und in irgendwelchen Laboren längst, wenn schon nicht an der ewigen Jugend, so doch an einem immer längeren Leben geforscht wird, macht die Werbung für Lifta, Inkontinenz-Slipeinlagen oder – „natürlich vergessen wir mal was“ für „Tebonin“ Sinn. Nur, weil man immer rammdösiger wird, bloß, weil es im morschen Gebälk knirscht und man vor sich hintröpfelt wie ein altes Auto, bei dem die Dichtungen porös werden, muss man nicht gleich den Löffel abgeben. Es gibt erstens was von Ratiopharm, zweitens auch den Wischmopp von Vileda und drittens ist Werbung für Glücksspiel-Webportale viel schlimmer als die für Gingium. Was ist das schon wieder? Habe ich vergessen.

 

Die wenigen noch berufstätigen Menschen, die unsere Rente verdienen sollen, sind vielleicht nicht so cringe wie wir. Aber sie haben es verdammt schwer. Da nützt es wenig, dass sie mit ihrer Uhr telefonieren und dabei ihren Puls messen können, dass sie leicht ihr Traumauto finden und schnell mal ein Date hermatchen. Das meistens abgesagt werden muss, weil die Zeit wieder nicht fürs Flirten reicht. Deshalb werden Intervalle beim Speeddating immer kürzer und die Netflix-Serien kommen ohne Cliffhanger aus. Wie soll man denn noch wissen, was am Schluss der letzten Staffel von Dingenskirchen – wie heißt die Serie gleich noch mal – passierte. Und war der linkische Blonde da auch schon dabei? Das wüsste ich aber. Eben nicht. Längst vergessen ist das. Wer sich heute an schöne Zeiten erinnert, ist nostalgisch und zurückgeblieben. Der Standardsatz mit dem Nachgeborene ihr Unwissen begründen, ist: „Das sagt mir nichts, weil da war ich noch gar nicht auf der Welt.“ Die Bildungsferneren kürzen das „wer soll das sein?“ ab, das kommt aber aufs Gleiche raus.

 

Mir tun die jungen Leute leid. Nicht nur, weil sie auf einem Planeten leben müssen, den wir in mühevoller Kleinarbeit unbewohnbar gemacht haben. Auch, weil sie in ihren Tretmühlen so lange gefangen sind, bis ihnen Ingrid von Indeed ein besser bezahltes Angebot unterbreitet. Das dann womöglich genauso krank macht. Aber lieber malad als ohne Smartphone und SUV. Was soll man denn zum Beispiel mit E-Scootern? Die landen sowieso im nächsten Fluss, die Mistkrücken. Im Ernst: Wie schlimm es um das arbeitende Jungvolk steht, belegt der Werbespot für „Buscopan“ in nur 30 Sekunden sehr glaubhaft: „Manche Entscheidungen bereiten mir Bauchschmerzen“, gesteht eine Angestellte und die Videosoftware zieht dazu ihren mittleren Bereich radikal zusammen. Also nimmt sie das Mittelchen. Sie könnte sich auch fragen, ob ihr Bauch sie nicht völlig zurecht vor einer falschen Entscheidung oder dem Begehen eines schlimmen Fehlers warnen will – und darauf hören. Dann müsste sie womöglich aber den Schlüssel für den Firmenwagen zurückgeben und aus dem sündteueren Penthouse über den Dächern von St. Öd ausziehen. Vielleicht müsste sie hungern oder Lebensmittel jenseits des Verfallsdatums essen?

 

Während nämlich auch die veganste Wurst irgendwann das Zeitliche segnet, wollen wir das für uns nicht wahrhaben. Wir sind schließlich keine Tofu-Wiener oder Saitan-Fischstäbchen, sondern vernunftbegabte Wesen, denen immer was einfällt. Das hat zur Folge, dass man sich an Menschen erinnert, die man sehr vermisst, dass man sich Episoden für neue Netflix-Serien ausdenkt oder Baupläne für Mini-Kernkraftwerke ins Netz stellt. Wegen Energiekrise und Klimawandel. Denn der Mensch kann jeden Mist begründen. Warum er mit einer rollenden Zweieinhalbtonner-Schrankwand mit 200 über die Autobahn brettern muss und lieber das Blitzgerät kaputtschießt als den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Und natürlich auch, warum man hinter falschen Entscheidungen auch dann noch stehen muss, wenn sich einem der Magen so heftig umdreht, dass er seinen Inhalt über den Kontrollausdruck der hanebüchenen Powerpoint-Präsentation auszuleeren droht.

 

Mich macht das wütend und traurig – und das auch, weil ich um keinen Deut besser bin als der Rest der Menschheit. Wäre das der Fall, wäre ich vermutlich als Hund zur Welt gekommen. Oder als Tigerschnegel. Das Drama mit uns spielt sich vermutlich schon immer so ab, zumindest aber seit der Zeit, als in Gottes Cocktailglas die Eiswürfel zu schmelzen begannen und unsere Vorfahren damit anfingen, das Licht der Welt zu verdunkeln.

 

Als ich meine Erkenntnisse in puncto Alter vor Horst ausbreite, merke ich, dass, er mit seinen gut 50 Lebensjahren immer noch vor dem Baum herumturnt, von dem er einst fiel, weil er sich mit seinem Penis am Ast festhalten wollte.

Horst: „Man ist doch so alt wie man sich fühlt.“

Ich: „Blödsinn. Man ist…“

Horst: „Ein Mann ist so alt, wie sich sein Schwanz fühlt.“

Ich: „Dein Sexismus ist voll widerlich.“

Horst: „Irgendwann einmal, in meiner glücklichen Kindheit…“

Ich: „Die ist bei dir noch lange nicht vorbei.“

Horst: „Uiuiui, so böse Sachen haben sie aber in der Nervenheilanstalt nicht zu mir gesagt.“

  

Zum Trost gieße ich uns zwei gut abgehangene irische Whiskeys ein – direkt aus der Flasche mit dem 18-Jährigen. Der Hochprozenter ist nämlich wenigstens volljährig.

 

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