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Es ist egal wo man ist (FT 89)

Wo wollen wir eigentlich hin? Und vor allem: Wo wollen wir bleiben und länger verweilen als nur ein paar Wimpernschläge lang. Das sind exakt die Fragen, die Rebekka, Nina, der nette Professor Lesch und ich uns stellen, während wir im „A Thousand Miles to Dublin“ sitzen und uns wünschen, hier angewurzelt zu sein. Ein Widerspruch? „Nein“, findet Rebekka. „Denn solch tiefgreifend urmenschliche Fragen nach dem Ort, an dem wir sein möchten oder an dem wir uns aufhalten sollten, lassen sich nur erörtern, wenn man gemütlich im Warmen sitzt.“ Da ist natürlich etwas dran, weshalb ich nicke, während ich mir den Kilkenny-Schaum aus der Mundgegend wische. „Stammt das nicht von Gottfried Benn?“, rate ich vage in die hoffentlich richtige Richtung. Rebekka schüttelt den Kopf und korrigiert mich mit dem Satz „nee, von Robert Musil. Und ergänzt für uns Ungebildete: „Der war praktisch permanent am Ausformulieren seiner Gedanken zu Themenkomplexen wie ‚Moral‘ oder  ‚Heimat‘ und sagte zum Beispiel auch ‚ich mag Wohnungen nicht leiden, die seelisch nach Maß gemacht sind. Ich käme mir darin vor, als ob ich auch mich selbst bei einem Innenarchitekten bestellt hätte‘.“ Nina grinst und deutet auf mich: „Das muss dir doch aus dem Herzen sprechen, oder? Wenn ich da an deine doch eher nüchtern-unterkühlte Einrichtung denke. Oder daran, dass dir ein scheinbares Zwiegespräch mit der dusseligen Alexa lieber ist als ein Plausch mit den Nachbarsterncheninnen.“

 

Nein, so schlimm steht es um mich nicht, und meine Latifundien sind keinesfalls so kalt wie mir unterstellt wird. Von Ninas Warte aus stimmt die Feststellung trotzdem, denn sie und Rebekka haben sich ihre traute Niederlassung zwar spartanisch, aber eben doch individuell und liebevoll herzerwärmend ausgestattet: Ein Graffiti von unserem Kumpel Nick ziert die Wohnzimmerwand, der Tisch vor dem Omasofa besteht aus einer grünen und einer roten Europalette sowie einer Plexiglasscheibe. Das hat schon was. Genau wie meine beiden Freundinnen übrigens. Während ich noch die privaten Räumlichkeiten der Liebenden vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen lasse, ergreift der Professor das Wort und die Bilder verschwinden ins Off.

 

„Früher war es schon wichtig, den Ort gut zu kennen, an dem man leben wollte. Denn es ging darum, möglichst reichhaltige Jagdgründe, Böden für den Anbau von Getreide und genügend Wasser vorzufinden“, erklärt Lesch. „Und wenig Gefahren, die auf einen lauern“, meine ich. Der Professor gibt mir recht. Die kluge Rebekka sieht dies zwar auch so wie wir, aber sie weiß auch, dass es gar nicht möglich ist, im Voraus zu wissen, was an und um die Gegend, die man sich aussucht, alles passieren wird: „Niemand kann Dürren, Eiszeiten oder Kriege verlässlich vorhersagen. Das ging schon Annoschnupftabak nicht, weshalb die Menschen meinten, Heuschreckenplagen oder Sturmfluten seien Zeichen eines wütenden und von seiner Schöpfung genervten Gottes. Und heute?“, fragt sie in die Runde. „Heute sind wir immer noch nicht viel schlauer“, mutmaße ich. Lesch widerspricht. „Wir könnten aber mehr begreifen, wir erforschen heute die Prozesse, die zum Klimawandel führen und uns ist auch schon seit Jahren klar, dass der Machthaber in Russland bewaffnete Konflikte führen wird. Wir wissen auch, dass und was das mit uns und unserer Politik zu tun hat. Doch wir ignorieren Menetekel einfach lieber. Weil wir bequem sind.“

 

„Bequemlichkeit ist aber auch eine Zier – erst recht mit Kilkenny-Bier“, ruft Barmann Hannes in unsere traute Runde. Wir stimmen ihm zu. „Das nennt man Dialektik“, stelle ich fest. Weil alles zwei Seiten – „aber mindestens!“, meint Nina – hat. „Und genau das ist wohl das Problem, seit es Menschen gibt“, vermute ich und bestelle noch eine Trostlage für uns alle. „Wir stehen immer wieder vor Entscheidungen und wählen oft die, die sich als falsch herausstellen wird. Und warum? Weil uns die Umsetzung weniger stressig vorkommt und wir zunächst weiter in unserem gewohnten Trott über die Erdkruste wandern können“, sagt der Professor. Rebekka glaubt, dass wir genau deshalb eigentlich Nomaden sind: „Weil dem so ist, spielt es letztlich keine Rolle, wo wir gerade sind. Denn von dort müssen wir spätestens weg, wenn Panzer anrollen oder auf der Ackerscholle nix mehr wächst.“ „Oder wenn eine kostbare Beziehung zu Bruch geht, weil wir lieber auf dem planen Holzweg bleiben, statt Unkraut und Gestrüpp wegzugrubbern“, denke ich. Aber ich will das Gespräch jetzt nicht auf die persönliche Ebene schieben, denn das wäre justament jetzt nicht richtig, finde ich zumindest. Denn wie schreibt Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ ebenso schön wie korrekt: „Nie ist das, was man tut, entscheidend, sondern immer erst das, was man danach tut!“ Stattdessen sage ich, dass es erwiesenermaßen zum Wesen von uns Menschen gehört, dass wir oft wo anders und wer anders sein wollen.

 

Warum ich gerade in diesem Moment an den Vierzeiler aus meiner Jugendzeit denke? Weil er genauso Nonsens ist, wie all die Scheingefechte, die wir Tag für Tag führen, und von denen wir erst des Abends am Tresen und im milden Dämmerlicht von Hannes‘ Pub ablassen? Genau deswegen – und weil das kleine Gedicht diesen Fakt auf seine kindliche Art auf den Punkt bringt. Also trage ich es vor. Rebekka lacht und meint, darüber müsse sie erst mal in Ruhe nachdenken. Dann nimmt sie einen tiefen Schluck Kilkenny und schweigt.

 

Ich bin der Ärmste aller Hascher

Mein Jüngster ist schon längst senil

Und meine Frau hat längst der Pascha

Dem sie beim Opernball gefiel

 

Nina möchte von mir wissen, was ich damit eigentlich sagen will. „Da muss ich erst meinen Anwalt fragen“, antworte ich. Rebekka schüttelt sich vor Lachen. Dabei schlägt sie auf bezaubernd kultivierte, aber zugleich auch etwas freche Art die Hand vor den Mund. Es ist ein schöner Mund. Direkt zum Küssen, selbst, wenn man dafür erst einmal in die Hand beißen müsste. Das ist aber nicht nötig, denn Nina passt genau den richtigen Moment ab – und plötzlich sprühen im „A Thousand Miles to Dublin“ die Göttinnenfunken. „Ach, ist die Liebe schön! Wenn ich groß bin, will ich sowas auch“, meint Hannes. Wir alle verstehen ihn nur zu gut.

 

Es ist definitiv von Vorteil, einen so kleinen Freundeskreis wie ich zu haben. Denn das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen ein Meuchelmörder sein könnte, erheblich – und man muss nicht den Aufenthaltsort wechseln, bevor man dazu gezwungen ist, das Zeitliche zu segnen. Ich werfe diese Sätze in die Runde und bedanke mich bei den Anwesenden. „Du bist echt ein Romantiker. Tut mir leid, dass du das jetzt von mir erfahren musst“, antwortet Rebekka und hebt dazu beschwichtigend gleich zwei bezaubernde Hände in die Höhe. „Aber es hätte ohnehin nicht lange gedauert, bis es dir jemand bei einem intimen Tête-à-Tête oder beim gemeinsamen Zelten in einer lauen Sommernacht gesteckt hätte.“ Ich versuche, konsterniert zu wirken, schaue auf den Boden meines leider längst leeren Bierglases, seufze – „oh, Hannes hör die Signale, auf zum nächsten Gedeck“ – und dann antworte ich punktgenau: „Ich kann alles erklären!“ Die anderen applaudieren und prosten mir zu. Da wird mir klar, dass ich an keinem anderen Ort sein möchte.

 

Link zum Song von Jarvis Cocker

Link zum Song von Elvis Presley

Link zum Song von Timmy Thomas

Link zum Song aus „Das Damengambit“

Link zum Song von Jochen Distelmeyer

Link zum Song von The Commodores

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