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Carpe jetzt endlich diem! (FT 90)

Dieser Weg wird definitiv kein leichter sein, aber für welchen Pfad gilt das schon? Mal ist er zu steil, so dass man außer Atem kommt, mal ist er so kurvig, dass einem regelrecht schwindelig wird. Und ein anderes Mal ist es so zappenduster im dunklen Tann, dass man nur wie das berühmte Männlein still und stumm auf einer Lichtung im Gehölz stehen bleiben kann. Während sich die Augen an die Lichtverhältnisse im Finsteren gewöhnen müssen und man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann, wird einem gewahr, dass man sich verirrt hat. „Wo ist denn ein Hexenhaus mit knusprig feinen Honigkuchen, wenn man es braucht?“, denkt man und stapft schließlich verdrossen weiter durch das Leben, das einem zufälligen Da- beziehungsweise Dortsein näherkommt als es gut ist.

 

Mit etwas Glück findet sich ein Unterschlupf, der einem vor dem herannahenden Unwetter schützt und so ein Quantum Trost in schweren Zeiten bietet. „Gottes Segen auf allen Wegen?“ – Pah. Wie kann es sein, dass eine mir bekannte Pastorin seit längerem in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik ihr Dasein fristet? Sie hat sich selbst dorthin begeben, weil der Herr sie, wie sie glaubt, verlassen hat. Ja, der Glauben ist eine zweischneidige Sache: Es macht traurig und einsam, wenn man zu wissen meint, man müsse sein Kreuz plötzlich allein durch das wilde Absurdistan tragen. Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich vermute, dass Gott einfach irgendwann keinen Zugang mehr zu seiner Angestellten fand und sich aus dem Staub gemacht hat. Dass das dann eine riesige Lücke riesigen Ausmaßes offenbarte, die sich nicht einfach schließen lässt, ist klar.

 

Wie heißt es im ersten Brief des Paulus an die Komantschen? Richtig: „Ihr sollt nicht mit dem Weihwasser panschen.“ Den Irokesen schrieb er bekanntlich gar nicht, weil die des Lesens unkundig waren. Dafür bekamen die Korinther, die Erfinder der Traubenverarbeitung, gleich mehrfach Post vom Apostel. Im ersten Kuvert lag ein Zettel, auf dem die Leute im Städtchen am Isthmus folgenden Satz fanden und sofort darüber nachdachten: „Έχω την ισχυρότερη πίστη – για να μπορώ να μετακινήσω βουνά“.

 

Ein Wunder war das nicht, denn sie konnten kein Neugriechisch, sondern nur das Alte. Als sie endlich via Google-Übersetzer an den Inhalt des Satzes „ich besitze den stärksten Glauben – so dass ich Berge versetzen kann“ kamen, ging ein Raunen durch die Menge. Und es waren nicht wenige darunter, die hofften, dass die Gebirge an den für sie vorgesehenen Stellen blieben. Denn man rechnete mit heftigen Verwerfungen, wenn so ein Massiv plötzlich im eigenen Olivenhain auftaucht oder gar das Meer rund um die Landenge flutet. Da könnte es leicht feucht in den Sandalen werden. Was lernen wir daraus? Dass Glauben generell und prinzipiell eine komplizierte Sache ist. Denn seine Folgen sind unkalkulierbar. Bevor die Korinther ihrerseits Gott den Rücken kehrten und/oder sich in psychiatrische Behandlung begaben, warfen sie den Brief in die Glut des größten Webergrills der Gegend. Aber das Papier wollte und wollte einfach nicht brennen. Stattdessen wurden die Würstchen so schwarz, dass es keinen Sinn mehr machte, die dunkelsten Stellen abzuschaben. Also ging ein gewaltiges Wehklagen durch die Menschen und verband sich mit dem Magenknurren zu einem ohrenbetäubenden Getöse, das nach einem heftigen Gewitter klang.

 

Ich steh in relativer Orientierungslosigkeit da und beobachte den Sturm, der die Bäume schüttelt, die Bodensenken überflutet, während sich scheinbar die ganze überschüssige Energie der Atmosphäre über mir entlädt. Das dauert alles in allem zehn Minuten oder auch vielleicht 15. Danach ist die Luft wieder rein und die Vögel, die sich eben noch irgendwo, ängstlich an der Unbill der Natur leidend, verkrochen haben, singen mit neuem Elan von der Schönheit der Welt. Es klingt, als seien sie durch das Gewitter neugeboren, um uns dieses Wunder zu verkünden.

 

Ich bin tief gerührt und beneide sie um das rasche klimatische Heilverfahren, dem sie sich seit Äonen aussetzen, um hernach herrlich darauf zu pfeifen. Ich wünschte, all das, was mich belastet, die Ängste, die meine Nerven aufzufressen drohen, würden sich ebenso rasch auflösen. Aber Pustekuchen. Ich hatte einen Vogel, aber ich war eben keiner. Während ich versuche, allen Lügen, meine eigenen eingeschlossen, immer einen Schritt voraus zu sein, nähere ich mich in Windeseile dem Ende meiner Weisheit, komme dabei außer Atem und verliere so viel Tempo, dass ich auf meinem Lebensweg stehenbleibe, mit den Händen die wunden Oberschenkelmuskeln reibend.

 

Etwas später rede ich mit Godot, meinem Freund, Kupferstecher und Lebensberater in Personalunion. Ich erzähle ihm von meinen Zweifeln, von der Dunkelheit, die auch nach reinigenden Gewittern zwangsläufig wieder kommt. Vielleicht ist es auch umgekehrt? Wer mag das wissen? Gott vielleicht, aber der ist gerade verschollen. Vielleicht der nette Herr Professor Lesch, doch der schaut sich gerade in fernen Galaxien um, weshalb er sein Handy auf Flugmodus gestellt hat.

 

Ich: „Vielen Dank, dass du mir Gesellschaft leistest, herzallerliebster Godot. Ich weiß, dass es letztlich kein Licht auf diesen Planeten gibt…“

Godot: „Es gibt immer ein Licht, Mampf. Es erwartet uns am Ende des Tunnels. Denk nur an den Gotthard-Basis-Tunnel in der Schweiz. Man hat das Gefühl, die Sonne für immer verloren zu haben – aber nach langen 57 Kilometern ist sie oft so plötzlich wieder da, dass man erschrickt.

Ich: „Ich rede aber nicht vom Land der Eidgenossen, sondern vom Tod – und der hat rein gar nichts mit ‚Eisenbahn Romantik‘ zu tun.“

Godot: „Ich weiß, wovon du sprichst. Aber eigentlich befindest du dich nur in einem Klinikzimmer in einer kranken Welt, bist selbst aber auf dem Weg zu einer möglichst guten Besserung.“

Ich: „Gute Preise, gute Besserung…“

Godot: „Und dafür habe ich jetzt das Nick-Cave-Konzert in Rastatt sausen lassen und die Tickets mühevoll im Web verscherbelt?

Ich: „Das Internet ist ein Werk des Teufels!“

Godot: „Oder von Bill Gates, aber der Unterschied zwischen den beiden ist so marginal, dass er völlig egal ist.“

 

Mir klappern die Zähne. Ob ich aus Angst friere oder wegen der Kälte in Panik gerate? Und was, wenn diese Station hier genauso wenig existiert wie die Wohnung im dritten Stock? Die, in der die Kids mit den Bobbycars über das Parkett scheppern als sei der Flur die Grüne Hölle des Nürburgrings?

„Und was wäre, wenn dieses Gespräch gar nicht existiert?“, wirft Godot ein.

Ich lächele müde und antworte „ach Godot! Dein wunderliches Wesen bietet mir doch immer wieder Anlass zur Freude in dieser an sich so freudlosen Welt!“

  

„Trink mein Blut und iss meinen Leib“, fordere ich Godot auf. Der beharrt allerdings darauf, dass ihm ein Käsebrot „mit Gürkchen und Zwiebelringen obendrauf“ aktuell viel lieber wäre. Wir speisen, und ich frage ihn, wie denn das nun mit dem Licht am Ende des Tunnels sei. Er zuckt die Achseln. „Darauf gebe ich dir die Antwort, die ich am liebsten immer geben würde.“ Ich werde jedes Mal neugierig, wenn es universell zu werden droht und darum frage ich „und die wäre?“ „Das will ich gar nicht wissen!“, sagt Godot, beißt in sein Käsebrot und lauscht den Vögeln, die in den Bäumen zirpen. Nach dem Imbiss fegen wir rasch die Krümel vom Krankenbett, melden mich gesund und gehen dann direkt nach Hause. Denn wir kennen den Weg. Es ist ein leichter, der sacht bergab führt. 

 

Link zum Song von Jochen Distelmeyer

Link zum Song von Otis Redding & Carla Thomas

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