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Der Krug geht so lange zum Munde, bis man bricht (FT 91)

Der tiefbraune Kilkenny-Fluss strömt heute Nacht unablässig, wird ab und zu gespeist von Whiskey-Nebenflüssen, und zunehmend sprudeln auch die Quellen unserer Gedächtnisse und Herzen, um sich in die dunklen Wogen des mäandernden Stroms zu ergießen. Und sich dort mit dem Schlamm der Gezeiten zu vermischen. Die Wasserläufe der Erinnerungen fließen langsam, aber stetig zum Ozean des Vergessens, und ich muss immer wieder auf dem Lokus des A Thousand Miles to Dublin urinieren. Denn wie sagt man bei uns immer gern? „Trinkst bei Hannes du leckere Biere, machst du rasch aus Zweien Viere.“ Dieser Dopplereffekt tritt immer dann ein, wenn uns die Sturzbäche der Vergangenheit inwendig überfluten. Ohne mich gar zu sehr mit ekligen Details aufhalten zu wollen, steht mal wieder fest, dass der olle Goethe erstens nicht blöde war und zweitens recht hatte: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach, wir Armen!“ Und wo wir schon bei „Armen“ sind: Ich denke natürlich wieder einmal bier-rührselig daran, wie es war, als sie zuletzt in meinen lag. Wobei das rein positionsmäßig nicht stimmt, denn sie stand. Aber das seien doch, wie Rebekka mit einem Verweis auf die schon fortgeschrittene Stunde meinte, nur Marginalien.

 

Es ist schon erstaunlich, was man durch dunkles Bier so alles zu sehen vermag. Die Kugel der Wahrsagerin vom Volksfest kann da nicht mithalten. Jene Dame hatte nämlich Nina und Rebekka vorausgesagt, dass sie justament heute zu viel Geld kommen würden. Nina hat daraufhin zum ersten Mal in ihrem Eheleben Lotto gespielt, weil vielleicht gewinnen sie so viel, dass es für den Kauf des verwunschenen Landguts draußen in Obereinherz reicht? Die Ziehung ist allerdings erst in vier Tagen. Mit der Zukunft hat das Kilkenny, das Hannes immer frisch für uns zapft, freilich wenig am weißen Schaum-Hut. Es sagt uns höchstens, dass es bald Zeit wird für die nächste Runde, für den Aufbruch oder den Gang zum gar nicht mal so stillen Örtchen. Denn im „A Thousand Miles“ laufen irische Volksweisen in schmissiger Version. „Es rieselt dann besser“, meint Hannes. Das Bier verrät uns aber, mit einem kilometerweiten Umweg über die Vergangenheit, wie unser Ist-Zustand ist. Rebekka und Nina sind zum Beispiel auch ohne ihr Traumwohnobjekt glücklich. „Das mit dem Lottogewinn haut ja sowieso nicht hin“, sagt Nina mit berechtigter Skepsis in der tiefen Stimme – und Rebekka nickt. „Dann müssen wir das Gehöft halt besetzen, so wie früher die Wohnung am Kaulbachplatz.“ Weil nämlich seit Jahr und Tag niemand mehr in dem alten Kasten in Obereinherz wohnt.

 

Es ist ein zusehends schmalerer Grat zwischen „gefällt“ und „verfällt“. Und das macht unsere beiden Turteltäubchen wütend. Den Schaum, den mein Kilkenny eben noch draufhatte, haben Rebekka und Nina nun vor dem Mund. Das grenzt direkt an Zauberei, finde ich. Die Mädels sollten auf dem Rummel gastieren, dann klappt es am Ende auch mit dem Geld.

 

Ich: „Mit dieser Showeinlage solltet ihr wirklich auf dem Volksfest auftreten. Dann wird das was mit dem Kies.“ Nina lacht, und ihre Gattin macht dann einen auf entrüstet.

Rebekka: „Der Mampf will Zwietracht säen!“ Sie schüttelt ihr Haupt und versichert, dass mir das „never ever“ gelingen wird.

Nina: „Manche lernen’s nie.“ Diesen Satz kann ich so nicht zwischen uns und den Gläsern stehen lassen.

Ich: „Ich korrigiere: Niemand lernt es je.“

„Ein Schicksal, schlimmer als der Tod. Das hat die Geschichte der Menschheit doch eindrucksvoll gezeigt“, meint Rebekka und ordert noch eine Runde Kilkenny nebst hochprozentigem irischem Beiwerk bei Hannes. Ich schaue derweil auf das Grüppchen nicht mehr ganz nüchterner, irgendwie entrückt wirkender Stammgäste – und finde, dass das eine wunderbare Idee ist. Sie wird unseren Lebensstrom am Fließen halten.

 

Ich: „Früher oder später sollten wir aber mit dem Trinken aufhören müssen. Wir müssen essen, schlafen, avantgardistische Kunstdiskussionen füh…“

Rebekka: „Halt einfach die Klappe“. Das sind erstmal ihre letzten Worte, denn danach ist sie für einige Zeit mit Küssen beschäftigt. Und da auch die klügste Frau jenseits von Kamerun/Oberfranken, das nicht alleine kann, schweigt Nina ebenfalls etliche Momente lang. Die beiden sind tatsächlich wieder in der Gegenwart angekommen. Direkt bezaubernd ist das. Die Vergangenheit muss daher unvollendet bleiben. Aber tut sie das nicht zwangsläufig immer?

 

Einen veritablen Filmriss später wache ich mit heftig rasenden Kopfschmerzen auf. Ich liege auf dem Sofa und mir ist kalt. Dann registriere ich das Bellen zweier kleiner Hunde. Es fühlt sich an, als würde mein Gehirn mit dem Vorschlaghammer bearbeitet. Zwischen den beiden Tieren steht eine große, sehr ansehnliche Blondine, die mir bekannt vorkommt. Ihr Haar glänzt im morgendlichen Sonnenlicht. „Die meisten Maler mögen dieses Licht, aber der olle Vincent liebte die Sonne“, denke ich und frage mich, wer ich bin und wie viele.  Einen Schubser später blinzle ich ins vertraute Dämmerlicht von Hannes‘ Pub. Das beruhigt mich, denn ich weiß meine Hunde gut aufgehoben.

 

Die Vergangenheit bleibt zurück. Wie Büroklammern, die man in der Schreibtischschublade versenkt. Irgendwann zieht man sie heraus, biegt sie auf und baut eine Kette daraus. Warum? Weil einem langweilig ist und weil man es kann. Dieses Gebilde ist dann die Zukunft. Wenn man nicht Obacht gibt, piksen einen die die spitzen Enden der Klammern. Das kann passieren. Niemand weiß das im Voraus. Darum bleibt man so gern in der Gegenwart sitzen. Denn das gestrige Bier ist längst schal geworden. Und das morgige? Das reift noch im Gewölbekeller vor sich hin.

 

Deshalb beherzigen Nina, Rebekka und ich diesen klugen Satz des großen Herrn Nietzsche auch heute wieder: Wir machen es wie die Eieruhr und zählen die schönen Stunden nur. Beeindruckt von Schopenhauers Texten und von dessen Trinkfestigkeit schrieb Nietzsche anno 1882 im thüringischen Tautenburg über das dortige Bier: „Es ist nahezu unbegrenzt lagerfähig, aber nur kurze Zeit haltbar.“ Die Kunst des Zitats beherrscht Rebekka wie sonst niemand.

 

„Woher weißt du das denn?“ frage ich etwas wackelig in der Birne. Weil ich den Satz nicht in Google finde.

Rebekka: „Ach, mein Lieber“, antwortet sie mit sanfter Perwoll-Stimme. „Das habe ich vergessen.“

Ich: „Und wer bestellt jetzt die nächste Runde?“

Nina: „Immer der, der fragt…“

 

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