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Wenn man blöd ist, kann man sich den Finger im Popo brechen (FT 92)

Heute morgen stand ich tatsächlich mit dem falschen Bein auf. Auf diese Weise fand ich meine „Dich mag ich! Denn Du hast genauso einen an der Klatsche wie ich“-Lieblingstasse wieder. Aus irgendwelchen dubiosen Gründen verweilte sie auf dem Fußboden, unweit des Sofas auf dem ich während der „heute-show“ eingeschlafen war. Ich trat mit meinem linken Fuß mittenmang auf das verflixte Ding, rutschte aus und hätte mir beinahe das Genick gebrochen – ein Haushaltsunfall, Katalognummer 944. Ich landete auf dem harten Boden der Tatsachen, die Tasse schlitterte derweil unter die Couch und blieb dort wohlbehalten liegen. Ihr ging es gut, mir weniger. Aber andersherum wäre es – Lieblingstasse und so – auch nicht gut gewesen. Jede Medaille hat nun mal zwei Seiten und manchmal sind sogar beide eher negativ zu bewerten. Zum Beispiel, wenn man mindestens 50 Cent braucht, um zur Toilette zu dürfen, einen Einkaufswagen oder die eben gefundene freie Parkuhr zu bestücken. Dann möchte man die Zahl auf der 20-Cent-Münze verfluchen, und dabei ist es egal, in welchem ungastlichen Land sie geprägt wurde. Sie passt hinten und vorne nicht.

 

Meiner ureigenen, bereits anno 1992 während einer Lesereise durch Österreich aufgestellten Katastrophenkonvergenztheorie gemäß, ist dem Geldstück kein Vorwurf zu machen. Für das, was nicht da ist, kann es nichts, es bekommt zu Unrecht unseren Zorn ab. Hätten wir aber die richtige Münze im Geldbeutel, müssten wir gar nicht angefressen sein. Denn wenn etwas fehlt, dann ist es in der Regel genau das, was grad am nötigsten gebraucht wird – sonst würden wir seine Abwesenheit gar nicht bemerken. Das Fehlen eines winzigen Metallplättchens kann negative Konsequenzen im Schlepptau hinter sich herziehen.

 

So ist es wahrscheinlich, dass man, nachdem man sich, um Geld wechseln zu lassen, in der nahen Apotheke in die Warteschlange eingereiht, ein Schmerzgel oder irgendeine Hyaluron-Tinktur gekauft hat, mit der begehrten Münze neben seinem Auto steht und ungläubig auf den Strafzettel an der Windschutzscheibe starren muss. Man murmelt vielleicht, dass das doch nicht wahr sein könne. Obwohl es logischerweise genauso hat kommen müssen.

 

Ob und welche Folgen mein morgendlicher Ausrutscher haben könnte, wird sich zeigen. Da ist der Zeitenlauf unerbittlich. Am ehesten sind Katastrophentage ohnehin zu verhindern, indem man im Bett liegen bleibt und die Zudecke über den Kopf zieht. Doch dazu ist es nun zu spät – „ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein schmerzhafter für mich.“ Plötzlich fällt mir ein uraltes Gedicht aus frühesten Kindestagen ein, und ich weiß plötzlich wieder, dass meine Theorie erstens seit jeher stimmt und sich zweitens grundsätzliche Dinge im Leben nicht ändern.

 

Erdmännchen huschen durch die Nacht

Mit schrillem Schrei gen Osten

Unstete Fahrt gebt acht, gebt acht

Gleich rauscht ihr an den Pfosten

 

Während ich nach der Tasse hangele, halte ich unter dem Sofa zwecks möglicher Malaisen-Minimierung zugleich auch Ausschau nach Monstern, Querdenkern, Zeugen Jehovas und ein paar anderen, unerquicklich öd-üblen Dingen, die nun mal Bestandteil der dunklen Seite meines Daseins sind. Eigentlich gehöre ich seit meinem zirka 41. Lebensjahr nicht mehr zu den Menschen, die unter Couch oder Sofa nachsehen, ob dort alles mit rechten Dingen zugeht. Deshalb hat sich der Staub dort auch zu Gebilden geformt, die an die „Tumbleweeds“ aus den Western erinnern. Nur gut, dass es im möblierten Teil meines Wohnzimmers nicht besonders windig ist. Ohnehin passieren die schlimmsten Sachen ohnehin eher im Bett, weshalb Aufstehen eben doch eine Option sein kann, und ich außerdem generell davon ausgehe, dass das, was darunter geschieht auch gut und gern ohne mich auskommen kann. Die Tasse brauchte indes meine Hilfe. Jetzt steht sie frisch gesäubert unter dem Auslaufstutzen der Kaffeetankstelle – und ich schalte erst einmal in den zweiten Gang zurück.

 

Zum Durchschnaufen komme ich freilich nicht, denn das Telefon klingelt. Während ich noch überlege, ob das Geräusch im Ohr nicht doch vom Sturz kommen könnte, schellt es einfach weiter. Egal, ob ich rangehe oder das Gerät einfach ignoriere, es wird sich so oder so zeigen, ob die nächsten Momente weitere Tragödien antiken Ausmaßes für mich bereithalten. Also drücke ich die Taste mit dem grünen Hörer-Symbol und nehme das Gespräch entgegen. Am anderen Ende der Verbindung ist Godot. Ich lächele befreit und atme kurz durch, weil ich ihn schon seit den Zeiten kenne, in der Quirinius Landpfleger in Syrien war und Jesus beim „Glubb“ die linke Außenbahn entlangpeste, was ihm den Spitznamen „Zaubermaus“ einbrachte.

 

Während des Telefonats behalte ich die Kaffeetasse im Auge, aber sie bleibt dort verortet, wo ich sie abgestellt habe. „Brav“ murmele ich und Godot bezieht das sofort auf sich. „Du nimmst dich so wichtig, wie du für mich bist“, antworte ich – und schon sind wir mittendrin. In was eigentlich?

 

Ich: „Du bist früh dran! Mist, ich bin noch gar nicht fertig angezogen.“

Godot: „Das macht doch nichts, ich kenn dich sogar im Adamskostüm, Tigerschnegel und so…“

Ich: „Ich erröte gleich. Aber trotzdem: Du rufst doch sonst nicht so früh an… Ist was passiert?“

 

Heute bin ich echt in Habacht-Stellung, mein Blick fällt auf die Lieblingstasse, während Godot von seinem Missgeschick berichtet: „Ich habe mir eine Digitaluhr gekauft, kann aber nicht vom 12er- auf den 24-er-Modus umschalten. Also habe ich immer zehn Stunden dazugezählt und bin dabei endgültig durcheinandergekommen. Nun ziehe ich 14 ab…“

Ich: „Das glaubst du doch selbst nicht“

Godot: „Nö.“

Ich: „Und was ist denn nun eigentlich dein Begehr?“

 

Er versteigt sich in wunderschönen, schachteligen Sätzen, ohne sich zu verrennen oder beim Sortieren der Kisten durcheinanderzukommen. Nur ich vermag ihm nicht zu folgen, reibe mir meinen schmerzenden Nacken und bevor ich endgültig kapituliere, frage ich: „Sag mal, könntest du dich nicht ein wenig deutlicher ausdrücken?“

Godot: „Natürlich könnte ich das!“

Ich: „Und warum machst du es nicht?“

Godot: „Wenn man all das machen würde, was man als durchschnittlicher Mitteleuropäer könnte, würde man doch zu gar nichts mehr kommen.“

Da ist natürlich etwas dran, aber ich kriege das Gefühl nicht los, dass auch der aktuell eingeschlagene Weg an dieses Ziel führen könnte.

 

Dann erzählt er, dass seine Scheidung durch sei und er seine gar nicht mehr so neue Herzensschöne nun endlich heiraten könne. „Katastrophenkonvergenz oder glückliche Zukunft? Das wird sich mit der Zeit herausstellen“, denke ich. „Du bist zur Hochzeit eingeladen und musst nicht mal den DJ machen,“ sagt Godot. Dieser Kelch ist an mir vorübergegangen, freue ich mich. Denn natürlich steht und fällt weder die Feier noch sonst irgendwas mit mir. Für diese Drecksarbeit findet sich immer jemand. Und da die Drecksarbeitgeber das selbstverständlich wissen, können sie natürlich mit mir rechnen. Sie scheinen meine Bereitschaft, mich in alles reinzuhängen, förmlich zu wittern.

 

Wehe, da läuft was ohne mich, ruft der Egomane in mir und Godot fragt „oder willst du diese ehrenvolle Aufgabe übernehmen?“ Da aber ohnehin immer und überall was ohne mich läuft, lehne ich dankend ab. Ich werde stattdessen eine kurze Ansprache halten und einen speziellen Segen für die Braut sprechen. Sie wird ihn brauchen. Was die Ehe betrifft, bin ich sowieso eher skeptisch. Denn ich kenne Dutzende von Ehefrauen, die jeden Tag fröhlich nach Hause kommen würden, wenn dort nicht auch die Partner leben und Ansprüche stellen oder vor sich hin miefen würden. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Kerle meist ihre Tassen nicht im Schrank haben, sondern überall herumstehen lassen. Das sagte ich Godot nicht, denn ich freue mich für ihn.

 

Link zum Song von Sharon Van Etten

Link zum Song von Prince & The Revolution

Link zum Song von Soft Cell

Link zum „Star Wars Theme“

Link zum Song von Sons Of The Pioneers

Link zum Song von Billy Idol

Link zum Songs von The Smiths

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