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Er ist schlecht im Gutsein (FT 93)

Hallo Leute, heute muss ich – Godot – euch schreiben. Denn Mampf liegt flach wie eine Flunder auf dem Sofa, und ich darf das fiebrige Händchen halten. Was er sich wohl wieder eingefangen hat? Nun, irgendeinen Infekt vermutlich. Und ebenso vermutlich ist das allemal besser als sich eine Tracht Prügel einzufangen. Nun liegt er da, stöhnt manchmal etwas vor sich hin und ist – oh Wunder! – viel ruhiger als sonst. So hat doch alles seine Vorteile, finde ich. Für mich ist es die Gelegenheit, mal über meinen lieben Freund nachzudenken und die Ergebnisse dieses Prozesses direkt zu Papier zu bringen. Weil: Tatsächlich besitze ich zwar ein Tablet, aber die Verbindung von Hirn und „80 Gramm holzfreien“, weißen Bögen ist, zumindest für mich, allemal die schnellstmögliche. Direkter geht es nicht.

 

Mampf ist, so behauptet er immer wieder, schlecht im Gutsein. Mit der  Bemerkung platzt er vor allem in den Momenten heraus, in denen er an sich selbst verzweifelt, weil er wieder eine Beziehung vermurkst hat. Es reicht aber manchmal viel weniger, um diese Phrase hervorzubringen. Wenn zum Beispiel seine Agentin Miss Moneypenny via elektronische Post Vorschläge zur Verbesserung eines Manuskriptes sendet, sitzt er wie das Kaninchen vor der Schlange, regungslos in dumpfer „ich-bin-einfach-nicht-gut-genug-Haltung“. Brav hat er zwar den Mailanhang heruntergeladen, aber er öffnet ihn erst auf sanften Druck hin. Dann löst sich alles in Wohlgefallen auf – die Anmerkungen von Miss Moneypenny sind zahlenmäßig gering, inhaltlich völlig in Ordnung und ändern rein gar nichts an der Qualität des Textes. Dass sie den schon in ihrer Mail über den grünen irischen Klee lobt, hat er geflissentlich ignoriert. Weil: Es ist doch so schön im Jammertal.

 

Ich denke oft, seine merkwürdigen Eltern – und ich hatte das Missvergnügen, sie kennenzulernen – haben ihm nicht viel Zutrauen in sich selbst für den Lebensweg mitgegeben. Wenn ich daran denke, dass Mampfs Mutter immer wieder davon sprach, sie hätte mit ihm die Nachgeburt großgezogen, macht mich das so wütend, dass ich sie am liebsten posthum so sehr beschimpfen würde, dass sie in keine Urne mehr passt.

 

Dass der Satz eine teuflische Wahrheit in sich trug, zeigt sich aktuell wieder: Seine Mutter hat ihm vor ihrem Tod gesteckt, dass er einen Zwilling hatte. Der kam kurz vor ihm auf die Welt, starb aber noch während der Geburt. Als sie ihm davon berichtete, wurde Mampf klar, warum er immer wieder im Leben das Gefühl hatte, das ihm irgendetwas Entscheidendes fehlt. Dass seine Mutter offensichtlich der Meinung war, das bessere Geschwisterchen verloren zu haben, kommt noch erschwerend dazu. Vielleicht geht Mampf davon aus, dass sein Zwilling der bessere Liebespartner, der liebevollere Vater, der genialere Autor oder schlicht der lebenswertere Mensch gewesen wäre? Er braucht mir das nicht zu sagen, ich bin mir sicher, dass er oft so fühlt. Wahrscheinlich hat er sein Kindheitsmartyrium deshalb auch als gerecht und also hinnehmbar angesehen? Das wäre möglich und aus psychosozialer Sicht auch logisch.

 

Er hat sein Aufwachsen in einem Manuskript sehr drastisch geschildert, weshalb ich hoffe, dass dieses heftige Werk tatsächlich von einem Verlag zwischen Buchdeckel gepresst, ordentlich beworben und dann massenhaft verkauft wird. Denn es ist, so befürchte ich zumindest, immer noch aktuell. Warum? Weil auch heute noch Kinder unter solchen Bedingungen aufwachsen müssen. Obwohl man nicht von „wachsen“ sprechen kann, wenn man niedergedrückt und auf Zwergenmaß gehalten wird. Man muss dazu nicht physisch klein bleiben, so wie der tapfere Oskar Matzerath in „Die Blechtrommel“. Denn auch die Seele muss sich entwickeln, größer werden, kreativ nach den Sternen greifen. Glaubt mir, ich weiß, wovon ich spreche. In meinem Berufsalltag treffe ich immer wieder auf Menschen, die es besser hätten treffen müssen.

 

Mampf hat eigentlich etwas überaus Ordentliches aus sich gemacht, finde ich jedenfalls. Das „eigentlich“ steht hier für das, was ihn immer wieder hemmt. Denn wenn er nach den sprichwörtlichen Sternen greifen will, zieht er die Arme oft zurück, bevor sie ihr Ziel erreichen. Er zaudert und zögert, verfällt, wie ein Motor, der in den Notlauf schaltet, in den „Das-kann-ich-nicht“-Modus. Das vermag Außenstehende verwundern, weil er oft sehr selbstbewusst und souverän mit seiner Arbeit umgeht.

 

Ich weiß noch, wie er im Allgäu zwei Zeitschriften von Grund auf modernisiert und deutlich aufgewertet hat. Noch heute werden sie in seinem Sinne weitergeführt. Gut, er hatte bei der Umsetzung tolle Leute an Bord. Aber man braucht auch einen Plan und das Zutrauen. Wenn man ihn auf solche Erfolge anspricht, meint er lapidar, dass das „Handwerkszeug“ sei, welches er sich über all die ganzen Jahre „draufgeschafft“ habe. Seine eigene literarische Qualität sei „doch wohl“ aber eine ganz andere Hausnummer. Mir leuchtet das nicht ein, wenn ich sehe, mit wie viel Liebe – genau, das ist das Wort – er zum Beispiel an den sogenannten Relaunch der Magazine gegangen ist. Ganz nebenbei: Ich durfte gestern ein paar vorsichtige Blicke in sein neues Buchprojekt werfen. Glaubt mir, es wird gut. Sicher wird Mampf das wieder völlig anders sehen, aber ich arbeite mit ihm am Selbstbild. Deshalb habe ich ihn übrigens für seinen neuen Fortsetzungskrimi zeichnen lassen, aber davon demnächst mehr.

 

Mein liebster Freund macht es sich aber auch sehr einfach: Wenn etwas nicht klappt, dann ist es klar, wer die Schuld daran trägt. Er natürlich. Egal, ob eine wichtige Beziehung scheitert oder „nur“ ein Artikel in den Orkus wandern muss – es liegt an ihm. Blöderweise ist sein Anteil zumindest beim hinteren Ende der Liebe doch recht groß, auch das weist wieder in früheste Zeiten zurück. Er würde das übrigens korrekterweise nie als Entschuldigung anführen, aber ich kann es jetzt, wo er gerade vor sich hin schnorchelt, schon bringen: Meine Überzeugung ist, dass Mampf sich nie zugesteht, glücklich sein zu dürfen. Man hat ihm das wohl schon in der Wiege verboten. Der Effekt ist dann oft fatal: Wie das Raumschiff Enterprise beim Verlust der strukturellen Integrität startet er ein Zerstörungsprogramm, das – „siehste, ich hab’s doch gewusst“ – zum bitteren Ende führt.

 

Als er zuletzt an diesem Punkt angelangt war, muss die angerichtete Verwüstung so extrem und der Verlust so groß gewesen sein, dass er endlich erst mit dem Denken dann auch mit der Arbeit an sich anfing. Und tatsächlich ist der mittelalterliche Begriff „arbeyt“ hier richtig, denn ich habe miterlebt, wie hart sie ihm fiel. Man könnte wirklich von „Frondienst an sich selbst“ sprechen. Den Job konnte er keiner künstlichen Intelligenz oder irgendeinem R2D2-Klon überlassen, da musste er schon selbst ran – und er war sehr fleißig bei der Sache. Das verwundert schon, weil Mampf mindestens so gut im Verdrängen ist, wie ein chinesisches Containerschiff. Aber immer, wenn ich denk, da geht nix mehr, kommt beim ihm ne Menge Power her.

 

Mampf wacht gerade auf. Ich bringe ihm frischen Kaffee, ein Glas Saft und seine Medikamente. Ich trage das Tablett zu seinem Lager als sei ich ein Kind, das seiner Mama zum Muttertag das Frühstück ans Bett serviert. Das war für mich so traurig und irgendwie ergreifend, dass ich beinahe in Tränen ausgebrochen wäre – und ich bin nun wahrlich nicht sehr nah am Wasser gebaut. Ich denke, Mampf hat seiner Mutter auch das Frühstück in die Kemenate gebracht. Vermutlich wollte er etwas Liebe von ihr. Die hat er aber sicher nicht bekommen. Was sie dabei fühlte? Wir können sie nicht fragen, weil sie schon vor Jahr und Tag mit den Kolibris auf und davon geflogen ist.

 

„Ich habe eine Nachricht für dich“, sage ich und fühle seine schwitzige Stirn. Die Temperatur ist in den Normbereich zurückgegangen. „Rate mal, wer in der Küche sitzt!“ „Der Geist der Weihnacht? Cujo, der besessene Bernhardiner von Stephen King?“ Ich lächle, weil Mampf schon wieder Blödsinn reden kann. „Nein, Hannes und seine Freundin Jenny sind da. Sie haben dir selbstgebackene Muffins, Scones und Pastetchen mitgebracht.“

 

Mampf: „Aber ich habe keinen Hunger!“

Ich: „Nach der großen Flucht gestern Nacht musst du was essen. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, einfach so, bei Nacht und Nebel im Cabrio rumzusausen und danach noch durch den Regen zu spazieren?“

Mampf: „Ich habe ihn gesehen. Er ist weggerannt.“

 

Ich frage nicht, wen er sah, weil das auch keine Rolle spielt, sondern antworte „klar hast du das. Und dann bist du am Straßenrand zusammengeklappt.“ Wir sitzen noch eine Zeit lang da, Mampf greift zusehends hungriger zu. Daher ziehe ich mich beruhigt zurück und überlasse ihn wieder eurer Obhut.

 

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