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Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd (FT 94)

Tatsächlich kann man gar nicht alles richtig machen – die Neigung, Fehler zu machen, ist uns allen in die Wiege gelegt worden. Schon unsere Vorväter und -mütter machten vieles falsch, gingen Irrwege, lieferten Waffen in Kriegsgebiete, zettelten Scharmützel jeglicher Art an, schrieben schlechte Songs und vergifteten ihren Nächsten wie sich selbst. Mir geht es natürlich nicht anders, wobei ich mittlerweile auf Minimierung potenzieller Fehlentscheidungen aus bin. Sowas vererbt sich sonst an die nächste Generation, also an die, von denen wir den Planeten nur geborgt haben. Jene Nachunsgeborenen die in Kürze „Ohne Benzin“ auskommen müssen. Weshalb ihr aktueller Großhit, der von Domiziana, genau das thematisiert.

 

Als Berufsjugendlicher, der eigentlich schon zur Zeit des Regenten Ashikaga Yoshimitsu steinalt war, höre ich mir natürlich jeden neuen Song an. Das mag die Jugend cringe finden, weil es genau das auch ist. Nennt es anbiedernd, bezeichnet mich als einen, der sein Alter trotzig nicht wahrhaben will und der vermutlich sein Begräbnis von einer „Die drei ???“-Kassette untermalen lassen wird. Der, während er noch vor sich hindämmert, immer weiter ins Kindliche retardiert, dabei  Trends hinterherhechelt wie der Dachshund der Wurstangel. Denn wer setzt nun mal seit jeher die Benchmarks der Moderne? Genau: Die Jugend.

 

Andererseits möchte ich auch nicht zu denen gehören, über die sich junge Menschen lustig machen, weil sie vom Krieg und von untergegangenen Großreichen erzählen. Oder der so gestrig ist, dass es bei ihm anrührend nach Seniorenheim riecht. So einer ist nämlich mein Freund Horst: Egal, was er hört – wenn er darüber redet, ist er schon während des zweiten Satzes bei den Beatles gelandet. Dabei war er noch gar nicht auf der Welt als die vier Engländer leibhaftig den achten Tag der Woche ausriefen oder von Feldwebel Pfeffer sangen. Das mag angehen, weil jede Generation die Gruppe neu für sich entdeckt – und das gilt sicher auch für die, die fürderhin ohne Benzin werden auskommen müssen.

 

Dass er uns alle gerade mit seiner Liebe zur neuen CD von Soft Cell nervt, verwundert aber schon. Denn die ist so gestrig, dass wir Älteren gezwungen sind, uns an die Originale aus den frühen 1980er Jahren zu erinnern. Und daran, dass zwar früher beileibe nicht alles, vermutlich sogar wenig, wohl aber diese Platten besser waren. Bei Horst verblüfft die Rückbesinnung doppelt, manchmal sogar drei- oder vierfach. Denn als die Originale erschienen, hat mein Freund noch die Klippschule in einem hinterletzten Kaff am Rande von Nowhere besucht. 

 

Aber wenn jetzt jemand denkt, ich würde Horst den persönlichen Jurassic Park, seinen Drang die Welt rückwärtsgewandt zu betrachten oder das Heranziehen oller Kamellen zur Definition des Hier und Jetzt abspenstig machen wollen, der irrt. Man braucht schließlich einen Bezugsrahmen, sonst ufert der Mix aus riesiger Vergangenheit und schmaler Gegenwart, der die Zukunft ergibt, aus wie das Meer nach einem Höllen-Tsunami. Außerdem kann man Horst mit Logik sowieso nicht beikommen, das Leben ist schließlich keine Plattensammlung, die sich alphabetisch sortieren lässt. Warum? Weil Ränder, Übergänge und Verbindungen in ihrer Ganzheit unüberschaubar und in ihrer Struktur komplex sind.

 

Die durchaus richtige Erkenntnis, dass noch jede Generation auf die Nachfolgende und ihre Ergüsse skeptisch und ablehnend reagiert hat, ist eigentlich Allgemeingut. „Eure Hottentottenmusik“, „eure entartete Kunst“ oder „soll das vielleicht ein Mammut sein, da an unserer Höhlenwand? Das sieht doch eher nach einem Kackhaufen aus“ – man kennt das ja. Wenn es aber stimmen würde, was die Alten sungen, wäre zwangsläufig immer alles immer schlechter geworden, und es hätte die Beatles nicht gegeben. Das Vorrecht der Jugend ist, die kauzigen Meinungsäußerungen der Alten mit einer Handbewegung wegzumatchen, dagegen zu rebellieren oder sie zu ignorieren. Wo käme man schließlich hin, wenn das Gestern der Silberstreif am Horizont des Seins wäre? Eine kleine Prise Geschichtskenntnis sollte reichen, um die Zauseln in ihre Schranke zu weisen. Heute ist wenig gut und vieles Murks, es offenbaren sich katastrophale Zustände, deren Ausmaße – Club of Rome! – man aber früher schon erkennen konnte oder sogar hätte wissen müssen. Weil die Fehler von Gestern das Heute genauso beeinflussen, wie es gute Musik von Annodunnemals kann.

 

Deshalb darf man natürlich an gestern oder vorgestern denken. Man darf sogar Menschen lieben, die längst nichts mehr von einem wissen wollen und sich angewidert, belustigt oder verletzt abgewendet haben. Man sollte es ihnen nur nicht sagen. Denn die Zeit marschiert unweigerlich weiter voran und eben nicht zurück. Zur sanften Ironie des Lebens gehört es meiner Meinung nach, dass man sich in einen Bösen oder in schlimme Handlungen und ihre Folgen hineinversetzen können muss, wenn man vorhat, ein Guter zu sein. So hat es vermutlich noch nie einen frommen Kirchgänger gegeben, der die Gottesgabe besaß, en passant sich in Hitler oder Al Capone hineinzudenken.

 

Gottesfürchtige verfügen über andere Gottesgaben – Gram, Schuldgefühle, moralische Überlegenheit, heilige Einfalt und ziehen daraus ihre Absolution. Sie können die Welt so sehen, wie sie nie war und nicht sein wird.

 

Derlei quälend-philosophische, spirituell unerquickliche Gedanken gehen mir heute durch den Kopf, während ich darauf warte, dass irgendwer meine künftigen Vorhaben segnet. „Da kannst du aber lange warten“, sagt mein Bruder am Telefon. Ich stelle ihm die Frage, die ihn schon als Konfirmand aus der Fassung brachte. Jedenfalls erinnere ich mich daran, wie er damals aufgelöst aus dem Glaubensunterricht kam, weil der Pfarrer seine Fragen nicht beantworten konnte und wollte. Deshalb schlug er sich mehrfach den Kleinen Katechismus vor die Stirn, auf dass der ihm Weisheit einbläut.

 

Ich: „Sag mal, gibt es eigentlich Gott? Meine kleinen Freunde sagen, er existiert nicht und hätte sich schon vor einiger Zeit in einem Logikwölkchen aufgelöst.“

Er: „Du hast keine kleinen Freunde.“

Ich schluckte kurz.

Er: „Und auch keine großen…“

Ich: „Ein unbedeutendes Detail, wenn du mich fragst.“

Natürlich bohrte ich an dieser Stelle nicht nach.

 

Kurz darauf fängt es an zu tröpfeln. Und einen Moment später regnet es Katzen und Hunde. Meine zwei Vierbeiner sind in der Wohnung aber relativ sicher und haben es wohlig-warm. Sie sitzen an der Terrassentür und beobachten das Unwetter. Sie sehen, wie Godot aus seinem Elektroauto aussteigt. Das Benzin wird ihm also schon mal nicht ausgegangen sein. Als er sich dem Gartentürchen nähert, wirkt er bereits wie ein begossener Pudel.

 

„Guckt euch mal diesen komischen Mann an“, sage ich zu meinen Hunden. Sie antworten nicht. Vielleicht kann ich es auch nicht hören, weil ich mit einem Badetuch und Hausschlappen bewaffnet zur Wohnungstüre laufe.

Ich: „Herrgott, diese Welt ist nicht nur sehr öde, sie ist auch noch verdammt klein.“

Godot: „Nicht, wenn du nach etwas suchst, das nicht mehr da ist, wo du es hingelegt hast.“

Godot hat recht. Wir plaudern noch eine Weile und schwelgen dabei in der Vergangenheit. Weil wir alten Zauseln das einfach besser können als die Jungen. Schließlich haben wir mehr davon – und manches war früher auch nicht schlecht. „Weißt du noch, wie es damals war als wir auf dem Alpseefest herumstanden wie die Ölgötzen und der Abend trotzdem ganz schön wurde? Obwohl ich mir den Beginn so nicht gewünscht, ganz sicher aber anders vorgestellt habe?“

 

Godot: „Hast du schon mal daran gedacht, all das, was sich in deinem Kopf befindet, in einem Computer zu speichern? Dein Hirn ist wie ein großes Zeitungsarchiv, in denen jemand gewütet und alle Ausgaben durcheinandergeschmissen hat.“

Ich: „Warum sollte ich das tun? Mein System funktioniert.“

Er: „Bis dich Graf Alzheimer aufsucht…“

 

Ich vermute, dass ich dann Angst bekommen werde, etwas Neues auszuprobieren. Aber das würde keine Rolle spielen, weil ich es sowieso sofort wieder vergessen würde. Darauf trinken wir einen, was sich als absolut richtige Entscheidung erweist.


Link zum Song von Wilco

Link zum Song von Domiziana

Link zum Song von Roger Miller

Link zum ersten Song von The Beatles

Link zum zweiten Song von The Beatles

Link zum Song von Soft Cell

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