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Wut zur Mücke (FT 95)

Was für ein Leben! Ich sitze hier mit Rückenschmerzen, und die machen TikTok da draußen. Direkt ungerecht ist das. Aber auch wieder in Ordnung, weil ich ja gar nicht vor der Kamera herumalbern oder gar – wie jüngst gesehen – mit der Schnauze mittenmang in der Erdbeertorte landen will. Das sah vielleicht aus. Nein, es sah nicht nur vielleicht, sondern sogar tatsächlich aus. Und zwar erbärmlich. Freunde der Sonne, das konnten Stan und Ollie schon vor über 100 Jahren – und zwar deutlich besser als ihr Influencer. Natürlich könnt ihr das trotzdem machen, wenn ihr unbedingt so mit den leckeren Nahrungsmittelressourcen umgehen müsst.

 

Sich mit Kuchen zuzukleistern ist freilich allemal besser, als Kriegsspiele zu posten oder sich mit Waffen abzulichten und dabei herauszuposaunen, dass es Zeit wird, nicht in die Tortenschlacht, sondern in eine militärische zu ziehen. Weil ihr hyperaktiven Trendsetter diese simple Wahrheit wahrscheinlich zwischen Insta-Werbung und Rumgehopse vergesst oder es während eurer Schulzeit niemand geschafft hat, euch Herzensbildung und Geschichtskenntnisse einzuflößen, und ihr alle Versuche einfach ignoriert habt, sage ich es hier und jetzt ein allerletztes Mal: Kriegsfreude hat sich immer – und zwar sehr schnell – in Angst, Zähneklappern und nachhaltige Verstümmelungen an Leib und Seele verwandelt. Das glaubt ihr nicht? Dann lest „Im Westen nichts Neues“ von Remarque und kommt nicht auf die Idee, „in der Hose auch nicht“ ins Web zu kalauern.

 

Man kann sein Herz und sein Hirn verschließen. Dann, Folks, bleibt zwangsläufig vom Menschen nicht viel übrig. Wahrscheinlich sogar weniger als seinerzeit bei Rambo. Im Gegensatz zu den TikTok-Hamplern konnte der seinen martialischen Job. Den er, was für ihn spricht, eigentlich nicht haben wollte. Wahrscheinlich wäre er lieber dort Landschaftsgärtner gewesen, wo die Neurosen wuchern. Manchmal ist aktive Flucht einfach besser als passiver Widerstand – oder gar an irgendeiner Front zu verenden. John J. Rambo wusste das. Oft hat man allerdings keine Wahl, aber sollte man mit Feuereifer auf ins Gefecht? Für Führer, Volk und Vaterland oder den Kaiser sicher nicht. Aber für die Demokratie?

 

„Du verlangst von mir, eine Stunde zu warten, bis sich herausstellt, ob ich deine Frau oder deine Witwe bin?“ – das sagt Amy, die frischgebackene Ehefrau von Sheriff Kane in „12 Uhr Mittags“. Warum? Weil sich ihr Mann dem Rachefeldzug von Frank Miller und seiner Gang ausgesetzt sieht. Flüchten ist keine Option, denn Miller wird ihn immer wieder aufspüren und irgendwann umbringen. Immerhin hat ihn Kane ins Kittchen gebracht. Dieser Film und vor allem die letzten Minuten davon offenbaren das ganze Elend gewalttätiger Auseinandersetzungen, runtergebrochen auf einen überschaubaren Maßstab. Amy will keine Witwe werden, hat Angst um ihren Mann. Und der? Der handelt gegen ihre christliche Überzeugung – und gegen sein Herz. Wenn er nun aber, wie Jesus als er seinerzeit bei Bayer Leverkusen spielte und es mit eisenharten Verteidigern zu tun bekam, auch noch die zweite Wange hinhalten würde, was dann? Dann wäre er unweigerlich tot. Kane hat also keine Wahl. Da es im Wilden Westen seinerzeit nur Telegrafen in den Poststationen, aber weit und breit keine Telefone gab, hatte er bekanntermaßen nicht mal eine Vorwahl.

 

Natürlich brauche ich den TikTok-Jüngern nicht mit einem alten Hollywood-Epos von 1954 zu kommen. Denn erstens ist es schwarz-weiß, sowas passt nicht in die bunte Welt der drei Kameras der modernen Handys oder zu Netflix Prime. Und zweitens ist der Film so unhektisch gedreht, dass man sein eigenes Highspeed-Level verlassen müsste, um sich ihm zu nähern. Das wäre ein heroischer, ja, antikriegerischer Akt kultureller Evolution – und käme für die meisten modernen Menschen nicht in Frage. Postet arte im Facebook, dass es am Abend „12 Uhr Mittags“ ausstrahlen wird, antworten User, die den Sender nie im Leben schauen, tatsächlich in mehr oder minder sprachlich ungelenkem Restdeutsch: „Ich kenne den Film nicht, denn damals war ich noch gar nicht auf der Welt.“ Man präsentiert die eigene Unwissenheit und impliziert so zugleich sein Desinteresse. Sprachliche Reduktion kann eben immer noch mehrere Bedeutungsgehalte gleichzeitig transportieren.

 

Man muss nicht knietief im Morast der Vergangenheit herumwaten, sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass von nichts auch nichts kommen kann. Womit wir wieder bei TikTok wären – und damit mitten im Nichts. Daher hat man dort vermutlich auch keine Rückenschmerzen, und wenn doch? Dann würde man darüber nichts posten.

 

„Vergiss bitte kurz, was du sagen wolltest“, unterbricht mich Godot als ich ihm von meiner altväterlichen Sicht auf die allgegenwärtigen Netze erzählen will. Denn für ihn sind diese Internetplattformen samt und sonders potemkinsche Dörfer und deren virtuelle Bewohner erinnern ihn eher an Außerirdische. „Weißt du eigentlich, wer die ersten Aliens waren, denen wir Menschen begegnet sind?“, fragt er mich, und ich hoffe, er zieht jetzt nicht „Aussaat und Kosmos“ vom ollen von Däniken aus irgendeinem Winkel seines Gedächtnisses hervor. Mit dem Kram kann man nur eines beweisen, nämlich, dass heute nicht alles schlechter, dümmer oder durchgeknallter ist.

 

„Ich meine jetzt nicht den ‚Planet der Affen‘“, errät Godot ansatzweise meine Gedanken, umrundet meine Skepsis und biegt dann mit Verve auf die sprachliche Zielgerade ein: „Es sind die Hunde beziehungsweise ihre Vorfahren. Sie sind die ersten fremdartigen Wesen, die wirklich mit uns Kontakt aufgenommen haben. Was hätten wir von ihnen lernen können…“, seufzt er. „Keine Kriege zu führen und immer nur so viel wegzuspachteln, dass es zum wohligen Sattsein reicht?“, frage ich. „Zum Beispiel. Vielleicht haben sie uns doch im Laufe von Jahrzehntausenden was beigebracht – etwa an anderer Leute Geschäftstätigkeiten herumzuschnüffeln“, ergänzt Godot. „Und das, ohne dabei dem Kapitalismus anheim zu fallen, Hedgefonds zu gründen oder den staatlichen Tankrabatt einzukassieren“, meine ich.

 

Ja, die Hunde. Sie haben uns entdeckt, für ihre Zwecke erzogen und sind dafür treue Begleiter geworden. Dass sie nicht reden können, dürfte ihnen sehr recht sein. Es würde ihnen, mit Blick auf die Weltlage und auf das, was die Zweibeiner so alles anrichten, regelmäßig die Sprache verschlagen. Sie beobachten die Nachrichtenlage mit weitgehendem Desinteresse, aber das ist würdig und recht. Schließlich gibt der Klügere nach, geht seiner eigenen Wege und bleibt dabei gesund und munter. Sonst würde der Hund wohl rasch und unweigerlich zum Monster mutieren, etwa so, wie der an sich kreuzbrave Bernhardiner Cujo bei Stephen King.

 

Godot schaut sinnend in seine Kaffeetasse als könne er darin Weisheit finden, die Zukunft erkennen oder das Spiegelbild seiner Liebsten sehen. Bei mir genügt es, dazu kurz die Augen zu schließen und vor mich hin zu träumen. Vermutlich würde ich sie von weitem erkennen, wenn sie sich dem Supermarktparkplatz von Obereinherz nähert – und mich dann rasch mit meinem Einkaufswagen in die Regalwelt verziehen.  

 

Godot greift sich einen Apfel, reibt ihn mit seinem T-Shirt so etwas ähnliches wie sauber, beißt kraftvoll hinein und hebt dann erneut an zu reden: „Was ich dich vorhin schon fragen wollte: „Wo hast du eigentlich diese vielen leckeren Äpfel her?“. „Das ist eine lange Geschichte. Die Kurzfassung wäre aus Fürth“, antworte ich. Die lange Version erzähle ich ihm kurz darauf auf einem Spaziergang durch die nahe Stadt, hin zum „A Thousand Miles to Dublin“.

 

Wir lassen Godots Karre am Ufer der Moms stehen und laufen durch Gässchen, Sträßchen, an Firmengebäuden und Wohnanlagen entlang und kommen so zu Orten, wo wir noch nie vorher gewesen sind. Godot bleibt stehen und betrachtet einen Gebäudekomplex. Er ist blockförmig, mit weißen Gipsputzwänden, die im Laufe der Jahre die graue Farbe und auch die Struktur von Porridge angenommen haben. Die grün lackierten Tür- und Fensterrahmen sehen hingegen aus, als hätten sie erst kürzlich einen frischen Anstrich bekommen. So irgendwann in den letzten 20, 30 Jahren.

 

Godot: „Was ist das hier?“

Ich: „Ein Pfadfinder-Wohnheim.“

Godot: „Echt? Für richtige Pfadfinder?“

Ich: „Keine Ahnung, ich hab mir das nur ausgedacht, weil die Wahrheit vermutlich mal wieder viel profaner ist.“ Damit sind wir schon wieder bei TikTok angekommen – und würden doch viel lieber bei Hannes, dem Barmann im „A Thousand Miles“ hinter dem ersten Kilkenny sitzen. Schließlich erreichen wir den Quell unserer Freude und werden mit einem mehrstimmigen „Hallo“ von den anwesenden Zecher*innen begrüßt. „Das ist also die reale Welt“, stellt Godot fest, schaut wieder einmal in seinem Handy nach, ob ihm die Liebste noch ein Herzchen oder vielleicht sogar ein sächsisch-sinnliches „Isch liebdsch“ gepostet hat. Dann steckt er das Gerät irgendwo hin, wo es „nah am Mann“ ist.

 

 

 Viel später machen wir uns auf den Weg zu Godots Auto, suchen Ärger, finden aber keinen und landen schließlich wieder bei mir auf der Couch. Vorher verabschieden wir uns noch von der Hundesitterin, begrüßen meine Vierbeinerinnen. Entweder haben wir nicht angestrengt oder zu intensiv nach Ärger gesucht, denke ich. „Es ist schwer, die richtige Gewürzmischung fürs Leben hinzubekommen.“ Godot gibt mir recht. „Un nu moch de Gusch zu un glodds nedd so bleede. Lass uns Schborgeddie kadschn.“ Wenn Godot Hunger hat, spricht er plötzlich in Zungen…     

 

Link zum Song von Blondie

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Link zum Song von Element Of Crime

Link zum Song von Nina Hagen Band

Link zum Song von George Ezra
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