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Stille Macht (FT 96)

„Nein“, schrie sie. „Nach all dem, was passiert ist… Mann, ich werde dich garantiert nicht heiraten.“ Wieder einmal habe ich den Anfang einer Geschichte im Kopf – und ich überlege, meiner Fantasie mit Vergnügen freien Lauf zu lassen. Aktuell bin ich mir gar nicht sicher, ob diese „sie“ im Verlauf der Handlung, des Diskurses oder des Getechtels einwilligen würde. Ob er wohl vor ihr auf die Knie und sein Haupt mit dem Staub der Holzdielen verschmutzen muss? Vielleicht ist er keine gute Partie? Oder sie will lieber auf einer ewigen Party feiern, bis die Sensenfrau sie dereinst abholt? Vielleicht ist sie aber auch mit einem anderen verheiratet?

 

Der Optionen sind da doch einige. Eine Stimme in mir rät allerdings, dass ich vielleicht doch lieber etwas tun sollte, was aktuell zum Broterwerb beiträgt, wenigstens aber die Aussicht auf etwas künftigen Reibach ermöglicht. Der Vorschlag impliziert, dass mein Überschuss an unausgegorenen Ideen, an unvollendeten Storys zu groß für geschäftlichen Erfolg ist. Dabei bin ich seit einiger Zeit viel konsequenter im Umgang mit dem Output geworden. Ich bleibe länger bei der Stange, manchmal renne ich sogar mit Schwung dagegen. Auf jeden Fall beende ich viele Projekte, bevor ich den virtuellen Griffel zur Seite lege.

 

Wir erfahren also vermutlich nie, ob die beiden Hirngespinste heiraten werden. Denn erstens habe ich tatsächlich Manuskripte abzugeben und daher etwas – man verzeihe das Wortspiel – „prescher“, zweitens muss ich nicht jeder Mini-Idee nachgehen, drittens genügt es, die noch dürftigen Anfangszeilen einfach in den Notizkasten aufzunehmen. Dort können sie bis zum Sankt-Nimmerleinstag bleiben. Fehlt noch viertens: Wen interessiert denn, ob jemand heiratet? So fängt man keine Geschichte an. Eher kann man sie mit einer Scheidung oder einer Trennung beginnen – und von diesem negativen Endpunkt aus zum Positiven hin entwickeln.

 

Andersrum funktioniert es im Leben und in der Geschichte auch nicht, denn die Ehe hat sich überholt. Und andere Formen des zwischenmenschlichen Zusammenlebens sind in der Regel nicht haltbarer als der vegane Leberwurstaufstrich vom Discounter. Den modernen Menschen fehlt der Zwang – jenes „bis dass der Tod euch scheidet“ – das Trennungen praktisch ausschloss. Egal, wie viel Leid die Ehe auch bedeuten mochte. Das ertrugen viele oft Jahrzehnte lang, denn sie konnten sich immer noch auf das Paradies freuen. Der Ort, an man/frau dann zur Rechten Gottes sitzt und auf die schlimmen Jahre herabblickt.

 

Blöd ist nur, dass sich der Herr längst aus dem Berufsleben zurückgezogen und die Pforte seines Etablissements geschlossen hat. Der vorgesehene Nachfolger aus der Familie hat es leider nicht so mit Buchhaltung und gutes Personal ist auf diesem erhöhten Level besonders schwer zu finden. Das war schon bei der Erschaffung der Welt so. Jener Irre, der ausgerechnet Zecken erfunden und über den Planeten gestreut hat, musste umgehend entlassen werden. Der Schaden war allerdings nicht mehr gut zu machen. Nicht einmal die Münchner Rück versichert den Urknall und seine Spätfolgen.

Uns bleibt also nichts anderes übrig, als schon zu Lebzeiten auf Leid zu verzichten und unser Glück zu suchen. Das klappt allerdings selten, weil wir nach Perfektion streben und in allem einen Wettbewerb zu erkennen glauben. Deshalb setzt man sich und mögliche Partner*innen unter Druck als müsse man den Großen Preis von Abu Chaker gewinnen. Die Folge sind dann Beziehungen, die von Anfang an eine Überforderung für beide darstellen. Also zieht man rasch weiter.

 

Ausnahmen gibt es freilich auch. Rebekka und Nina zum Beispiel. Die haben irgendwann erkannt, dass ihre Beziehung sie trägt, beziehungsweise sie von ihr durch ihre Leben getragen werden. Sie schweben dabei zwar nicht immer auf Wolke Sieben, aber für die vierte reicht es auch im Alltag allemal. Wobei sie grad in hektischen Phasen sehr achtsam mit sich und der anderen umgehen. Das Ziel, Stress zu vermeiden, gelingt ihnen meist richtig gut – „zu zweit ist das einfacher“, meint Nina und verweist darauf, dass eine allein sich eben auch schneller überfordert und mit der Traglast allein fühlt. Warum? Weil sie damit tatsächlich allein ist. Theoretisch stimmt das, praktisch klappt das in meinem Freundeskreis jedoch nur bei den Beiden. Bei Godot und seiner Partnerin mag ich noch keine Prognose abgeben, doch ich wünsche ihnen natürlich, dass es ihnen auf Dauer gehen mag wie Nina und Rebekka. Ich weiß, dass es möglich ist.

 

Ach, ich weiß so viel, was ich gar nicht wissen will. Etwa, dass der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist. Das hätte der große Harpo Marx sagen können, aber der war bekanntlich stumm. So musste Petrus ran und diesen Fakt über uns bringen. Andererseits: Versucht mal, Hundefutter, Käse oder Kaffee mit der Münze des Geistes zu bezahlen oder ihn allein einkaufen zu schicken. In ein paar Wochen würdet ihr entweder wie die Lilien auf dem Felde leben oder Mülltonnen nach Essensresten durchwühlen.

 

Irgendwann dreht ihr dann unweigerlich durch und denkt, ihr würdet gemeinsam mit einem Pärchen lila Monsterschnecken auf dem Deck der Arche stehen und aufs Wasser blicken. Dann kommen die Kerle in den weißen Kitteln. „Piep egal“, denke ich. „Die Hunde könnten mir in der Irrenanstalt Gesellschaft leisten.“ Hatte nicht der olle van Gogh eine Katze, die ihm in der Psychoklinik beistand? Ich rufe Godot an, der ist vom Fach und muss das daher wissen. Tut er aber nicht. Er kann sich nur daran erinnern, dass der Maler damals ein einzelnes Ohr dabeihatte.

 

Ich bitte ihn, mich mit Details zu verschonen, und er postuliert folgende Sentenz: „Jeder in der Klapsmühle sollte einen Hund oder eine Katze haben, die ihm dort Gesellschaft leistet.“ Ich antworte „aha“ und Godot fährt unbeirrt fort: „Und überhaupt… Alle anderen sollten ebenfalls ein Haustier haben. Wenn sie dann anfangen, Selbstgespräche zu führen oder sich ein Ohr abzuschneiden, merken sie wenigstens nicht, dass sie verrückt geworden sind.“ Das mochte stimmen, genauso wie die abschließende Bemerkung, dass ich drauf und dran sei, durchzudrehen. Die er dann auch noch mit der Frage, ob er mit ein paar kräftigen Typen vorbeikommen solle, garniert. „Hunde sind bei uns in der Anstalt übrigens nicht erlaubt, so leid es mir tut.“

 

Ich beschließe daher, lieber zuhause zu bleiben. Und mich später im „A Thousand Miles“ von ein paar frisch gezapften Kilkenny beim Trübsalblasen unterstützen zu lassen. Bereits beim zweiten Bier erinnere ich mich zurück: Anfang der 1960er Jahre, da ich noch ein Kind war, da spuckte und kackte ich wie ein Kind und hatte lustige Klamotten an Fasching an. Damals wusste ich über Hunde in etwa das, was alle Kinder wissen. Rein spirituell mochte das durchaus ganz schön viel sein. Über Expartnerinnen wusste ich seiner Zeit überhaupt nichts. Als ich drohte, erwachsen zu werden und das Heim für Durchgeknallte in St. Johannis endlich verlassen konnte, wusste ich deutlich mehr über den Canis lupus familiaris, hatte aber immer noch keinen blassen Schimmer von Expartnerinnen. Kurze Zeit später sah das schon anders aus – und fast gleichzeitig trat Godot in mein Leben und sprach einen Satz von Ewigkeitswert: „Die Exfrauen bleiben dir auf Gedeih“. Er sollte Recht behalten. Was Hunde angeht – und die gehen meist viel weiter als Frauen – wurde ich mit der Zeit tatsächlich zum Profi. Immerhin. Ich kenne sogar den Fachbegriff für „Hundeliebhaber“: „Probeller“.

 

Noch vom Tresen aus schicke ich meinem allerbesten Freund eine WhatsApp-Nachricht: „Liebster Godot. Ich danke dir, dass du dir trotz deines randvollen Terminkalenders und deines ebenfalls gefüllten Hormonstausees Zeit für mich genommen hast. Möge dir allzeit der Odem Jahwes aus dem Arsch wehen!“

 

Danach bestelle ich mir noch ein Bier und freue mich des Lebens. Wie Barmann Hannes jüngst sagte: „Du hast im Leben zwei Möglichkeiten: Entweder siechst du langsam und qualvoll dahin – oder du trinkst von meiner Medizin und verendest in gelöster Stimmung.“ Ich wähle natürlich diese Variante. Derweil sitzen meine Hunde bei mir und passen auf, dass mich nicht die Schweine beißen oder mir jemand den Besen auf die Matschbirne zwirbelt. „Wo sind meine Tage? Wo sind sie hin? Das ist die Frage. Wo ist der Sinn? Gut, dass ich hier bin.“ Erst recht, wo jetzt noch Rebekka und Nina händchenhaltend, lachend und gackernd ins Lokal kommen.

 

Rebekka: „Tut mir leid, dass wir hier so reinschneien. Aber wir müssen jetzt etwas in Angriff nehmen, dass wichtiger ist als Leben oder Tod – und daher keinen Aufschub duldet.“

Nina: „Und bevor du ‚ein paar gepflegte Darts werfen?‘ fragst: Das meinen wir nicht.“

Ich habe plötzlich eine Eingebung und bestelle den beiden eine Runde Bier neben irisch-hochprozentiger Begleitung.

Rebekka: „Wir müssen dir was erzählen. Du fällst auf der Stelle tot um, wenn du das hörst.“

Ich: „Später. Lasst mich noch einen Moment lang das Leben genießen.“

 

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