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Zu schlapp für den Stepper (FT 97)

Man müsste, man könnte, man sollte doch wenigstens. Macht es meistens trotzdem nicht. Denn der Mensch besteht zu gleichen Teilen aus Wasser und Unvernunft. Die restlichen Spurenelemente unterschlage ich hier mal großzügig, sie wurden ohnehin erst in den 1960er Jahren im Maggi Kochstudio entdeckt. Zufällig, aber gemeinsam mit dem grauenhaften Tuberkel. Das unter dem Mikroskop ausschaut wie die Mini-Ausgabe jenes Nachbarn, der immer Falschparker meldet und spielende Kinder oder bellende Hunde am liebsten mit der Schrotflinte aus dem Viertel verjagen möchte. Gottseidank sind wir hier nicht in Amerika, kann ich da nur sagen.


Wasser lagern wir gern ein, was den Hausarzt dazu bringt, uns mit „Sie müssten und Sie könnten“ zu kommen. Es aber schließlich in beharrlicher Dreieinigkeit in ein tadelndes „Sie sollten“ gipfeln lässt. Aber was will der Mensch im weißen Kittel uns eigentlich sagen? Dass wir mit dem Alter immer unförmiger vor uns hinwabern? Wo doch der Spiegel vom Feuchtraum-Hängeschrank immer noch den knackigen Stand von 1995 anzeigt. In Bad und WC ist nach wie vor alles ok – und anderswo steht man sich selbst selten von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Dafür wabern da all die anderen Menschen deutlich sichtbar durch die Gegend, so wie früher Barbapapa und Barbamama. Nur meist nicht so freundlich. Es ist alles eine Frage der Betrachtungsweise, und die ganz persönliche Sicht auf die eigene Person changiert zwischen barmherziger Milde und gnadenloser Härte. Beides ist überzogen und entspricht nicht der Realität, also dem, wie andere uns sehen, wenn sie uns nicht gerade ignorieren. Was sie allerdings meistens tun.

 

Denn die Leute verbringen viel Zeit mit der Betrachtung sich möglicherweise verändernder Hautstellen, dem Einbalsamieren von Falten oder Krähenfüßen mit Q10 oder gar – je nach Geldbeutel – Q12 und dem Entdecken winzigster Veränderungen in der eigenen Erscheinung. Mag man auch verblöden, wenigstens die schöne Aura sollte bleiben. Denn der Schein bestimmt bekanntlich das Bewusstsein. Ich bin natürlich um keinen Deut besser. Auch ich stehe ewig lange vor dem Spiegel, klöpple mir die Nasenhaare kunstfertig zurecht und bemale meine Altersflecken mit einem PH-neutralen Abdeckstift. Der Unterschied ist nur, dass sich die Welt innerhalb meines Regenraums ausschließlich um mich dreht. Das Bad ist meine Insel der Selbstgefälligkeit.

 

Die vermeintlichen Defizite der anderen waren mir immer von Herzen lieber als meine eigenen. Strenge Maßstäbe sind nämlich etwas sehr auf das eigene Ego Bezogenes. Bei der Sicht auf andere Menschen, speziell auf die, die ich liebte, war ich eigentlich nicht wirklich milder gestimmt, denn das war gar nicht nötig. Weil schon der Blick an sich ein anderer war. Selbst wenn die Liebste mich auf ihre vermeintlichen Schwachstellen hinwies, damit ich nicht gar zu übertrieben schwärme, änderte das nichts. Tatsächlich liebt man an einem anderen Menschen den Verstand, die Videooptik, die Anmut oder von mir aus auch die Almut – was den Kreis aber deutlich einschränkt – und die Empathie. Und selbstverständlich stimmte es, wenn sie mich darauf hinwies, in keinem der genannten Punkte perfekt zu sein. Das wusste ich selbst.

 

Perfektion ist nun aber so unpersönlich wie die explizite Formel für die Primzahlzählfunktion. Und sie ist – im Gegensatz zur Mathematik, wo sie erstaunlich Harmonisches zuwege bringt – beim Menschen gar nicht anzustreben. Man muss und soll sie nicht herbeisehnen, weil man sie nicht erreichen kann. Ein auf seine individuelle Art bezauberndes Wesen ist deshalb auch nicht für jeden ein Grund, sich in dieses zu verlieben. Mancher wird es als abstoßend, schräg oder langweilig empfinden. Wären wir alle gleich, würden wir alle identisch empfinden. Allein die Vorstellung ist schon gruselig.

 

Apropos Vorstellung: Gestern Nacht träumte ich davon, dass ich von meiner Ex als DJ ihrer Hochzeit gebucht wurde. Das Ganze war unwirklich, weil die Feier auf einer wunderbaren Voralpenwiese stattfand – und nicht auf jenem fernen Planeten, auf dem ihr, hoffe ich, als Königin die Herzen zufliegen. Sehr irdisch, die Location. Das muss nicht verwundern, denn selbst mein Nachtschatten-Ich kann sich nicht vorstellen, wie es auf Melmackzack aussieht. „Star Wars“ wird schließlich auch weitläufig in Tunesien oder Marokko gedreht, weil noch niemand auf Tatooine war. Der Flug dorthin würde extrem lange dauern. Von den immensen Kosten ganz zu schweigen.

 

Im Traum heiratet meine Ex also irgendwann irgendwo irgendwen – wen kann ich nicht sagen, weil ich ihn nur von weitem gesehen habe. Fremdartig sah er meiner Meinung nach nicht aus, merkwürdig schon. Aber egal, ich muss ihn ja nicht zum Ehemann nehmen. Für DJs sind Hochzeiten generell eine sehr undankbare Aufgabe. Die Zusammensetzung der Gäste macht eine allgemein wenigstens anhörbare Mischung  nahezu unmöglich. Erst zu später Frühmorgenstund einigen sich alle auf „Die Biene Maja“, doch der Weg bis dahin ist garantiert kein leichter.

 

Ich sage immer, dass gute DJs die Musik spielen, die die Leute hören wollen. Bei der Braut ist das kein Problem, ob ich aber seine Lieblingslieder auflegen würde, wenn er an mich heranträte? Es hätte Größe. Übrigens: Supergute DJs spielen die Musik, von denen die Leute noch gar nicht wissen, dass sie sie hören wollen. Aber das funktioniert natürlich erst recht nicht, weil zu viele unterschiedliche Geschmäcker. Die Hoch-Zeit der einen, ist die Tief-Zeit des anderen. Um das Eis auf solchen Feiern zu brechen, braucht es eher einen – ähm – Tautologen als jemanden, der im Berufsleben schon Resident-DJ war und Radiosendungen gerockt hat, bis ihm die Megahertzen zuflogen.

 

Im echten Leben würde ich daher solch ein Angebot mit warmen, aber doch bestimmten Worten ablehnen. Im Traum blieb mir immerhin die Umsetzung erspart. Warum? Weil ich musste, obwohl ich vor einigen Tagen beschloss, niemals mehr müssen zu müssen. Es hat nicht mal für ein vages „sollte“, sondern knapp – auf den ersten Tropfen – bis zur Toilette gereicht.

 

Danach schlief ich wieder ein und wachte erst gegen acht Glasen wieder auf. Ich hatte etwas anderes geträumt, an das ich mich allerdings nicht erinnern konnte. Trotzdem machte es mir mehr zu schaffen als der angebotene DJ-Job kurz zuvor. Alles, was ich noch wusste, war, dass ich von einem fiesen Typen belästigt und bedroht wurde. Einen Belästiger dieser Kategorie wird man nur los, wenn man seinen Mut zusammenkratzt und ihn kalt macht. Ich habe in meinem weitgehend erfahrungsarmen Leben zwar schon oft die Zeit totgeschlagen und manchmal einer Beziehung den Garaus gemacht, aber ich habe nie einen Mann umgebracht oder absichtlich seinen Tod verursacht, und jetzt ist es zu spät, noch damit anzufangen. Ob ich das auch im Traum wusste, muss im Unklaren bleiben. Von mir aus kann und soll es das auch.  

 

Am Abend hatte ich Gelegenheit, im „A Thousand Miles to Dublin“ ein paar große Kilkenny zu kippen und meine Reiseerfahrung entlang meines gewundenen, größtenteils schlammigen Lebensflusses zu sortieren. Das nahm Zeit und Ressourcen in Anspruch. Viel später wollte ich durch eine mondlos finstere Nacht nach Hause stolpern. Es war kälter, es schien auch einsamer zu sein. Und es regnete in Strömen. Also kehrte ich erst um und dann ein. Hannes, der Barmann meines Vertrauens war gerade am Gläser polieren.

 

Hannes: „Na nu? Du schon wieder?“

Ich: „Draußen regnet es. Vielleicht hat der große Soulsänger Brook Benton recht…“

Hannes: „Was hat der denn Kluges gesagt?“

Ich: „It’s raining all over the world.”

 

Link zum Song von Husten & Sophie Hunger

Link zum „Barbapapa“-Lied

Link zum Song von Billy Joel
Link zum Song von Faithless

Link zum Song von Karel Gott

Link zum Song von Brook Benton

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