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Madame Flocke 7: Die 17-jährige Genusswurzel

Hallo Folks,

 

es ist gerade erst ein paar Tage her, da habe ich mich über einen Mithund von meiner Rasse gefreut. Strizi hatte Geburtstag – und man hat ihm dazu ein Wienerle serviert, das man in Form der 17 auf einem Teller ausgebreitet hat. Denn der Rüde ist stolze 17 Jahre geworden. Und auch, wenn ihm die Anordnung des Würstchens wahrscheinlich piepsegal war, er hat es sicher mit Schmackes in sich hinein geschreddert. So sah es zumindest auf den Bildern aus, und ich bin sicher, dass es sich so verhalten hat: Dieser Hund ist eine echte Genusswurzel, sonst wäre er nie so alt geworden. Glaubt mir, ich weiß, was ich da schreibe. Ich bin vierzehneinhalb und vor etlichen Jahren, nämlich als die drei Bekloppten mich fanden, da hat man mich eigentlich schon für fast tot erklärt, und ich war dabei, mich der allgemeinen Meinung anzuschließen. Gut war es allerdings, dass ich damals wie heute keinen Löffel hatte, den ich hätte abgeben können. Was lernt man daraus? Eben: Dass man nichts anzusammeln braucht, weil man es sowieso nicht über die Regenbogenbrücke mitnehmen kann. Zu Lebzeiten verhindert das Anhäufen von irdischen Dingen, dass man lebt und auch mal die Bodenhaftung verliert, quasi mit Leichtigkeit über den Dingen schwebt. Ich habe das Gefühl, dass Eure ganze „humane“ Gesellschaft nur funktioniert, weil alles auf irgendein dubioses Wachstum ausgelegt ist. Wir jedenfalls wachsen nur, bis wir so groß sind, wie wir laut Hundegott sein sollen – und dann isses auch gut, wie es ist und bleibt. Aber ich schweife schon wieder ab.

 

Los, lass los!

Nochmal zurück zu meiner schlimmsten Phase: Hätte ich damals wirklich aufgegeben, wären mir viele Würstchen und noch etliches mehr entgangen. Also dachte ich in einem lichten Moment: „Und wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt von irgendwo ein Leckerli her.“ Ganz ehrlich: Aufgeben gilt nicht, weil in – geschätzt – fünf Minuten die Welt komplett anders aussehen kann. Die Bäume sind dann vielleicht plötzlich wieder saftig grün, es riecht nach anderen Hunden und die eigene Stimmung hat sich aufgehellt wie ein Frühlingsmorgen bei Sonnenaufgang. Mit dieser Haltung ist mein verehrter Hundekollege Strizi jüngst 17 Jahre alt geworden. Woher ich das weiß, obwohl ich das Seniorenmännchen nicht persönlich kenne? Weil ich in der komfortablen Lage bin, von meinem Kissen aus 2 und 2 zusammenzählen zu können: Mal abgesehen davon, dass große Hunde leider eher von uns gehen – wir „Kleinen“ erreichen auch nur dann ein hohes Alter, wenn wir es gut gehen lassen. Das Wort „lassen“ habe ich hier absichtlich in den Text geworfen wie den Ball, den mein Mithund Mia so gern mit der Schnauze fängt, ihn dann dem Herrchen vor die Füße legt, also einfach loslässt. Das soll ihr der Manuel Neuer erst mal nachmachen. Loslassen ist jedenfalls wichtig, und das fängt schon beim Denken an. Wer immer nur über sich selbst und seine vielleicht wirklich missliche Lage reflektiert, braucht nachts vielleicht kein Blinke-Halsband, weil er selbst im Dunkeln leuchtet. Aber aufgemerkt, Freunde der Sonne, jetzt kommt das große „aaaaaber“: Er sieht trotzdem die Wurst vor lauter Scherben nicht.

 

Warum wir gern leben

Wir Caniden leben gern, und warum ist das so? Weil wir um unsere Endlichkeit wissen. Das gilt vielleicht nicht für Welpen oder junge Hunde, aber das ist bei Euch Menschen auch so: Wenn du im Saft stehst und vor Kraft strotzend über die Wiesen des Lebens springst, hältst Du Dich für unsterblich. Natürlich kann immer etwas passieren, ein blödes Auto zum Beispiel, aber das geschieht generell nur anderen. Der Tod scheint vermeintlich weit weg zu sein, was natürlich ein Trugschluss ist. Er begleitet uns lange unbemerkt vom Napf bis zu der Stelle, an der wir unsere Wurst ablegen – und wieder retour. Mit zunehmendem Alter spüren wir deutlich, dass wir nicht ewig leben werden. Also versuchen wir erst gar nicht, den Prozess mit Plaste oder Elaste aufzuhalten. Das Einzige, was wir tun können, tun sollten und auch tun: Wir leben an jedem Tag, als wäre es nicht nur der letzte, der es auch sein könnte, sondern auch der schönste. Die aktuellen 24 Stunden sind kostbarer als jeder Mammon, den ihr so anhäuft. Wusstet Ihr eigentlich, dass immer mehr Menschen sich einen Container mieten, weil ihr Hab und Garnichtsogut nicht mehr ins Haus passt und das Auto schon ewig keine Garage mehr von innen gesehen hat? Ich finde das echt ziemlich krass. Auf jeden Fall brauche ich keine Rolex, meine innere Uhr und mein Herrchen tun es auch. Der weiß um meine Rituale und hat sie in seinem geistigen Kalender eingespeichert. So kann ich, falls es mir gestattet ist, auch 17 werden. Und wenn nicht? Dann wird es bis dahin allermeist schön gewesen sein auf dieser wunderbaren Welt.  

 

Hunde trauern doch

Wenn einer – egal ob Hund oder Mensch – von uns geht, den wir sehr mochten, dann trauern wir. Ihr habt lange gedacht, dass wir das nicht draufhaben, weil wir den Tod – siehe oben – zeitlebens ignorieren würden. Wer das behauptet, verwechselt sich und seine Mitmenschen mit uns. So sieht es doch aus! Natürlich trauert jeder Hund auf seine eigene Weise, der eine leise und unbemerkt, der andere schluchzt und heult. Manche von uns schauen und schnuppern nur kurz und wenden sich zwecks innerer Einkehr ab, andere bleiben beim verstorbenen Herrchen, Frauchen, beim Hundekumpel oder sogar bei der liebgewonnenen Katze sitzen bis die Zeit zum Aufstehen und Weiterleben gekommen ist – und das kann dauern. Übrigens: Wird unsereiner im Tierheim abgegeben, dann trauert er auch, weil Abschied irgendwie immer ein wenig vom Sterben hat, und wartet, dass er wieder geholt wird. Irgendwann fügt er sich dann ins Schicksal und macht das Beste daraus – er bleibt Hund. Weil er nämlich weiß, dass ihm gar nichts anderes übrig bleibt.

 

Bevor wir ins sprichwörtliche Gras beißen, was zu Lebzeiten durchaus erfrischend lecker sein kann, gönnen wir uns noch das eine oder andere Würstchen. Dem 17-jährigen Strizi wünsche ich, dass er den 18. Geburtstag auch noch feiern darf, und dass es ihm in der Zwischenzeit gut geht. Mich würde übrigens interessieren, wie seine Menschen dann die Wurst zu einer „8“ legen. Auf Dein Wohl, Alter! Nächste Woche schreibe ich für Euch über meine Erfahrungen mit Mia, und darüber, wie es war, mit 11 Jahren noch mal „Ziehmutter“ eines Welpleins zu werden. Nur so viel vorab: Es war eine kostbare Phase in meinem Leben.

 


In diesem Sinne – Eure Flocke

PS: Das siebte Hundelied für Euch: „River Deep – Mountain High“

 

Für das Foto vom Geburtstagshund bedanke ich mich bei Jörg Ziegler und besonders bei Strizi. Wuff!

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